Jerewan Reisebericht: Wo aus Leiden Leben wurde

Gegründet im achten Jahrhundert vor Christus, gehört Jerewan zu den ältesten Städten der Welt. Doch wenn du von der armenischen Hauptstadt antike Bauten erwartest, bist du in der 1,2-Millionen-Metropole Fehl am Platz. Die jahrtausendealte Geschichte von Jerewan ist geprägt von Umbrüchen, die sich im neu gestalteten Stadtkern kaum mehr nachvollziehen lassen. Und so zeigt dir unser Jerewan Reisebericht einen Schauplatz der von Tragik geprägten armenischen Geschichte, der dich trotz allem mit einem wohligen Gefühl nach Hause zurückkehren lassen wird. Geschrieben von John & Marc.

Jerewan Reisebericht

Unser Jerewan Reisebericht nimmt dich unter anderem mit auf einen Ausflug über die Dächer der armenischen Kapitale.

Zwischen Stolz und Schmerz

Das Fontänenschauspiel auf dem Platz der Republik, dessen Aufführung im Sommer jeden Abend nach Sonnenuntergang stattfindet, wirkt auf uns wie eine Feierstunde zu Ehren der armenischen Nation. Jedem farbig illuminierten Wasserstrahl, der in die Höhe schießt, wohnt eine riesige Portion Stolz und Hoffnung inne. In Zusammenspiel mit einem französischen Chanson als Begleitmusik birgt jeder Tropfen jedoch auch eine Prise Leid und Schmerz. Beides findet sich in der Geschichte des armenischen Volkes in unerträglichem Maße wieder.

Unsere Französischkenntnisse aus Schul- und Studienzeit sind in der Zwischenzeit sehr verwässert. Doch es reicht uns, hin und wieder das Wort „Arménie“ herauszuhören, um den Inhalt des Lieds zu verstehen. Um uns herum sitzen hunderte Armenier, vereinzelt auch Touristen. Allen gemeinsam scheint bewusst, dass in dieser Aufführung mehr steckt als Licht und Wasser. Hier erklingt das Schicksal eines Volkes.

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Am Platz der Republik kannst du an Sommerabend Zeuges eines eindrucksvollen Wasserschauspiels werden.

Über allem thront Ararat

Auf Stolz und Leid treffen wir in Jerewan immer wieder, wenn auch nicht immer derart künstlerisch offenkundig. Das Stadtzentrum etwa ist in Teilen auf den heiligen Berg der Armenier ausgerichtet, den 5.137 Meter hohen Ararat. An den seltenen klaren Tagen hier ist der Gigant, gemeinsam mit dem 3.896 Meter zählenden Kleinen Ararat, in der Ferne gut zu erkennen. Beide sind sie auch auf dem armenischen Wappen verewigt. Doch beide liegen heute auf dem Gebiet der Türkei, dort wo vor dem Ersten Weltkrieg ein Hauptsiedlungsgebiet der Armenier war.

Schmerz und Sehnsucht scheinen zwei wichtige Elemente des armenischen Selbstgefühls zu sein. Nationalismus ist da nicht weit. Im Stadtbild treffen wir hier und da auf historische Karten, die die Umrisse Großarmeniens zeigen, das sich einst vom Kaspischen Meer bis weit nach Anatolien ausbreitete. Unabhängig war Armenien in seiner Geschichte jedoch nur äußerst selten. Erst 1991 erklärte sich das Land von der Sowjetunion für unabhängig – auf aus historischer Sicht vergleichsweise kleinen Territorium.

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Während unserer Reise nach Jerewan zeigte sich Ararat leider nur selten, die Luft war einfach zu trüb.

Jerewan Reisebericht: Schwalbenhügel

Einen umfassenden Einblick in die Dramatik der armenische Geschichte bietet der Denkmalkomplex Zizernakaberd zum Gedanken an den Völkermord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Ararat – natürlich – soll auch vom „Schwalbenhügel“ aus an Tagen mit guter Sicht über der Kulisse thronen, doch während unseres Besuchs versteckte er sich hinter der Smogglocke über der armenischen Hauptstadt.

Zwischen zwölf Pylonen lodert eine ewige Flamme. Daneben ragt ein gespaltener Obelisk in die Höhe, ein Symbol für die Teilung des historischen Siedlungsgebiets der Armenier. Im unterirdischen Museum wird der Völkermord in bedrückender Detailliertheit aufgearbeitet – und dabei auch auf die Rolle des Deutschen Reiches hingewiesen. Dieses kämpfte im Ersten Weltkrieg Seite an Seite mit dem Osmanischen Reich und ignorierte Meldungen über den voranschreitenden Völkermord auf heute türkischem Gebiet. Plötzlich rückte uns die vorab so fern wirkende Katastrophe („Aghet“), wie die Armenier den Genozid nennen, furchtbar nahe.

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Blumen gedenken im Zusammenspiel mit einer ewigen Flamme dem Völkermord an den Armeniern.

Mutter Armenien und Siegespark

Auf gänzlich andere Art und Weise zeigt sich die Tragik der armenischem Geschichte im Siegespark, der sich oberhalb des Cascade Complex ausbreitet. Westlich von „Mutter Armenien“ gelegen, einem 51 Meter hohen Monument über den Dächern Jerewans, wurde dieser im Geiste des Sieges der Roten Armee nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet. Zwischen 1936 und 1991 war die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion. Den Völkermord an den Armeniern erkannte letztere niemals als solchen an.

Von Sowjetnostalgie ist an Ort und Stelle folglich nichts zu spüren. Vielmehr wirkte der Siegespark auf uns wie ein Abandoned Place, der verlassen nicht verlassen. Ein Fremdkörper im Herzen Jerewans. Einige Fahrgeschäfte drehten ihre Runden, selbst wenn im Riesenrad nur die wenigsten Waggons gefüllt waren. Mutter Armenien mag so errichtet worden sein, dass sie in luftiger Höhe über die gesamte Stadt wacht. Umringt von knalligen Karussells machte sie auf uns einen herrlich geerdeten Eindruck.

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Impressionen aus dem Siegespark mit Blick auf die Mutter-Armenien-Statue.

Jerewan, eine Lebestadt

Auf uns als Außenstehende scheint die armenische Geschichte in den Straßen Jerewans omnipräsent, auch wenn es mehr ein Gefühl ist. Schon Baku entdeckten wir für uns mit einer eher bedrückten Grundstimmung. Doch anders als in der aserbaidschanischen Hauptstadt vermischt sich diese im Alltag Jerewans mit einer großen Portion Lebensfreude, oder besser: mit Freude am Leben.

Denn im Grunde ist Jerewan eine Lebestadt. Sie ist voller Sehenswürdigkeiten, im Großen wie im Kleinen. Es gibt die augenscheinlichen Attraktionen, allen voran den Cascade Complex, einer Art Freiluftmuseum, das in etlichen Stufen hinauf zum Siegespark führt. Aber es gibt auch die versteckten Highlights. Die Kunstwerke eines Malers im Lover’s Park etwa. Etliche Bistros, Cafés und Restaurants mit vorzüglichen Speisekarten zum kleinen Preis, zum Beispiel das Anteb (westlich vom Platz der Republik) oder das Aragast (Metro Yeritasardakan).

Und die Fontänen, die dir in der Abenddämmerung eine Geschichte erzählen, die so schnell nicht vergessen wirst.

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Oberhalb des Cascade Complex liegt dir das Stadtzentrum von Jerewan zu Füßen.

Jerewan Reisebericht: Unser 1 THING TO DO

Was? Den Sommerabend mit Blick auf das Fontänenschauspiel am Platz der Republik zu verbringen.
Wo? Weder Platz der Republik – als Herz Jerewans – noch der Fontänenbrunnen sind irgendwie zu verfehlen.
Wie viel? Die Aufführung ist kostenfrei.
Warum? Um mit jedem illuminierten Wasserstrahl ein weiteres Stückchen armenisches Lebensgefühl mit den Augen aufzusaugen.

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Immer schön chillig! Statue am Fuße des Cascade Complex.

Jerewan Reisebericht: Video

Das Video zu unserer Kaukaus-Reise macht übrigens auch in Jerewan weiteren Orten in Armenien Station. Schon gesehen? Wenn nicht, dann einmal hier klicken:

Übrigens: Wie wir nach Jerewan gekommen sind, verraten wir in unserem Artikel über die Nachtzüge zwischen Tiflis, Aserbaidschan und Armenien. Weitere Stationen unseres Abstechers von Georgien nach Jerewan und Umgebung waren das Kloster Khor Virap an der Grenze zur Türkei sowie der Sewansee, seinerseits viertgrößter Hochgebirgssee der Erde. Hier folgen ganz bald eigene Artikel. Bis dahin heißt es:

Reisen um zu reisen!
John & Marc

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2 Gedanken zu “Jerewan Reisebericht: Wo aus Leiden Leben wurde”

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