Tel Aviv-Jaffa: Vom Schlaf der Stadt, die niemals schläft

Vielleicht sind wir während unserer ersten Reise ein paar Mal zu oft falsch abgebogen, um dieses dauerlebendige Tel Aviv zu entdecken. Vielleicht standen uns die jüdischen Feiertage im Weg. Beim zweiten Mal jedoch wurden wir rund um den Flohmarkt von Jaffa fündig, wo Bars, Boutiquen und Restaurants wie Pilze aus dem Boden sprießen. Und wo sich dennoch zeigt, dass selbst eine Stadt, die angeblich niemals schläft, ab und zu mal Zeit zum Runterkommen braucht. Geschrieben von Marc.

Jaffa Spaziergang Tel Aviv

Street Art in Jaffa: Rund um den alten Flohmarkt kommen Hobbyfotografen auf ihre Kosten.

Ein Wintermorgen in Tel Aviv

Es ist der 31. Dezember, sechs Uhr morgens. Bei erwarteten 22 Grad zu dieser Jahreszeit von Unterkühlung zu sprechen, mag paradox klingen. Doch wir haben nichts weiter dabei als unsere Seidenschlafsäcke. Die Glasscheibe im Fenster fehlt und in der Nacht hat es sich merklich abgekühlt.

Ich werde unruhig. Draußen strahlt der Himmel bereits blau. Die Sonne lacht. An der frischen Luft muss es längst viel wärmer sein als hier drin. Schlafen kann ich auch nicht mehr. Neben mir liegt John, auch ihm ist sichtbar kalt. Doch schon aufstehen? Will er nicht. Ich jedoch halte es nicht mehr aus, putze mir die Zähne und verschwinde leise durch die Tür nach draußen. Wärme tanken.

Jaffa Spaziergang

Jaffa ist nicht nur Altstadt und Mittelmeerbrise: Ausblick auf die Wohnblocks von der Dachterrasse unserer Unterkunft.

Jaffa Spaziergang

Heinrich Heine wurde in Jaffa mit einer nach ihm benannten Straße geehrt.

Spaziergang durch Jaffa

Auf der Heinrich-Heine-Straße vor der Haustür bin ich fast alleine. Die Stadt, die niemals schläft, hält ihren Schönheitsschlaf. Die Sonnenstrahlen berühren mein Gesicht und meine Fingerkuppen. Es schüttelt mich: Schließlich ist dies der erste Tag im israelischen Winter, nachdem wir am Vorabend der nasskalten deutschen Version entflohen sind.

Meine morgendliche Erkundungstour beginne ich im Osten Jaffas, dem sogenannten arabischen Teil von Tel Aviv. Jaffa zeigt sich hier von seiner pragmatischen Seite: Sandfarbene Wohnblöcke reihen sich aneinander, von den malerischen Gassen der Altstadt ist hier noch keine Spur. Mein erstes Ziel: Die Gegend rund um den Flohmarkt, wo wir am Abend bei einem Glas Wein in unsere zweite Israelreise starteten.

Jaffa Spaziergang

In den Gassen des Flohmarkts von Jaffa lauern etliche Fotomotive.

Jaffa Spaziergang

Hauptsache bunt! Der morgens verwaiste Flohmarkt von Jaffa gehört abends zu den ersten Anlaufstellen für Nachtschwärmer.

Rund um den alten Flohmarkt

Dort angekommen, könnte der Gegensatz zum Vorabend größer nicht sein. In der Shaffa Bar saßen wir mit einer Freundin von John zusammen, als plötzlich festliche Stimmung aufkam und das gesamte Lokal ein Chanukka-Lied anstimmte. Wir zogen weiter in eine ziemlich laute Kneipe, in der Kommunikation fast unmöglich war, und kippten ein, zwei Flaschen israelisches Bier.

Jetzt aber sind die Jalousien der meisten Bars und Boutiquen heruntergelassen. Außer ein paar Putzkolonnen ist kaum eine Menschenseele zu sehen. Dennoch versprühen die Gassen jenes Tel-Aviv-Gefühl, das mich schon auf meinem ersten Besuch etwas in die Stadt verlieben lassen hat. Die Fassaden mal restauriert, mal shabby, zücke ich laufend die Kamera, um Street Art, eine schicke Tür oder einen Hahn auf einem Dach zu fotografieren.

Silvester in Tel Aviv

Ja, der ist echt! Bei einem morgendlichen Spaziergang durch Jaffa muss man sich ab und an mal kneifen.

Jaffa Spaziergang

Abandoned Jaffa: Hier zieht erst im Laufe des Tages Leben ein.

Aussicht über Tel Avivs Skyline

In einem kleinen Kiosk, der soeben geöffnet hat, hole ich mir etwas Kühles zu trinken und setze meinen Morgenspaziergang im Zick-Zack-Kurs in Richtung Mittelmeerufer fort. Inzwischen kreuzen hin und wieder ein paar Touristen meinen Weg. Doch so richtig Tag geworden scheint es erst an der Yefef Street, der Hauptstraße von Jaffa.

Hier merke ich, dass ich selbst eigentlich noch mit halben Bein im Bett bin. An einem der traditionellen „Backshops“ verschaffe ich mir erst Gehör, als ich feststelle, dass hier nur bedient wird, wer drängelt. Doch ich wache auf, lerne schnell und suche mit Proviant versorgt wieder die morgendliche Stille. An der Al-Bahr-Moschee setze ich mich auf die Mauern der Promenade und genieße, wie die Wellen des Mittelmeers auf die Skyline von Tel Aviv zusteuern. Ein Tagtraum beginnt.

Jaffa Spaziergang

Eine Aussicht, an der man am liebsten ewig verbleiben möchte: Promenade von Jaffa mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv.

Jaffa Spaziergang

Nanu, ein Mensch! Ein Surfer nutzt die morgendliche Ruhe, um in aller Ruhe auf den Wellen zu reiten.

Allein in der Altstadt von Jaffa

Von hier an scheine ich Jaffa wie meine Westentasche zu kennen. Meter für Meter schnellen die Erinnerungen unseres ersten Aufenthalts in Tel Aviv vor zweieinhalb Jahren hervor. Doch zu dieser frühen Stunde scheint sich Jaffa dieses Mal nur für mich herausgeputzt zu haben. In den Gassen dieses Mal kein touristisches Getuschel. Heute sind es nur meine Schritte, deren Schall in meine Ohren dringt und mich fühlen lässt wie allein in tausendundeiner Nacht.

Auf dem Weg zum kleinen Hafen Jaffas laufe ich an einem Gebetsraum vorbei, in dem einige Juden gerade gemeinsam das Morgengebet abhalten. Ich reduziere meinen langsamen Schritt, um einen Blick zu erhaschen. Man will ja nicht gaffen. Ein Moment, der exemplarisch steht für das überwiegend friedliche Nebeneinander der Religionen in Jaffa.

Jaffa Spaziergang

Jaffa, wie man es kennt: In den Altstadtgassen macht es Spaß, falsch abzubiegen.

Der Hafen von Jaffa

Am Hafen von Jaffa fallen mir wie schon beim ersten Besuch die blauen und weißen Planen auf, die in den Farben Israels die Segel- und Ausflugsboote überdecken. Die Restaurants am Ufer sind noch verwaist, doch die Vorbereitungen für den neuen Tag sind angelaufen. Ab und an kreuzt eine Katze meinen Weg, auf dem sich inzwischen einige Ausflügler eingereiht haben.

Dieses Mal laufe ich noch ein Stück weiter in Richtung Süden – und werde belohnt. Hinter der kleinen Marina steht eine verlassene Lagerhalle, von der nur rostige Gerüste, allerlei Schrott und ein paar kleine Bötchen übrig sind. Ein starker Kontrast zum herausgeputzten Hafen mit seinen stilvollen Lokalen und Galerien. Erneut bin ich ganz für mich allein. Hier zeigt sie er sich wieder, der Schlaf der Stadt, die niemals schläft.

Jaffa Spaziergang

Stillleben hinter dem kleinen Hafen von Jaffa.

Jaffa Spaziergang

Die Halle hat ihre besten Zeiten hinter sich – sollte sie überhaupt noch stehen.

Zeit für ein Nickerchen

Ich dagegen bin inzwischen putzmunter. Ich scheine schneller erwacht zu sein als die Stadt um mich. Noch einmal laufe ich zum Aussichtspunkt an der Moschee und setze mich auf die Mauer, um die Wogen des Mittelmeers vor meinen Augen zu genießen. Vielleicht ist dieser Ort mein 1 THING TO DO für Tel Aviv, auf das wir noch immer warten. Doch irgendwie scheint in dieser Stadt noch so viel mehr zu stecken.

Die Sonne wird inzwischen immer wieder von Wolken verdeckt. Es wird merklich kühler. Zeit umzukehren. Auf dem Rückweg drängele ich mich noch einmal am Backshop vor, um ein erstes Frühstück für John und ein zweites für mich zu besorgen. Zurück an der Heinrich-Heine-Straße merke ich, wie meine Augenlider schwerer werden. Es wird Zeit für ein paar Stunden Schlaf. Während Tel Aviv erwacht.

Jaffa Spaziergang

Wer mit wachen Augen unterwegs ist, entdeckt an vielen Stellen Straßenkunst der liebevollen Art.

Jaffa Spaziergang

Stille, wo ein paar Meter weiter bereits das Leben tobt. Seitenstraße der Yefef Street, die wohl nie so richtig ruhig ist.

Auf den Geschmack gekommen? Dann gibt es hier die volle Ladung 1 THING TO DO in Tel Aviv für dich:

In unserem Tel Aviv Reisebericht verraten wir, wieso die Stadt für uns das Miami des Nahen Ostens ist.

Du spielst mit dem Gedanken, den Jahreswechsel in der Mittelmeermetropole zu verbringen? Dann empfehlen wir dir unseren Bericht zu Silvester in Tel Aviv.

Keine Lust auf die üblichen Sehenswürdigkeiten? Naomi von Telavivnotes.com berichtet im Interview mit uns von ihren Tel Aviv Geheimtipps.

Und obendrauf hat sie uns auf ihr 1 THING TO DO verraten – eine Fahrradtour durch Tel Aviv.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

2 thoughts on “Tel Aviv-Jaffa: Vom Schlaf der Stadt, die niemals schläft”

  1. scarlettheredsite says:

    Wow, das sieht echt schön aus. Manchmal lohnt sich früh aufstehen eben doch 😀

    1. 1 THING TO DO says:

      Also eigentlich lohnt es auf Reisen sich fast immer! 🙂 Besseres Licht, weniger Menschen… und noch viel vom Tag vor sich.

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