Genex-Turm: Belgrads brutale Seite

„Belgrad ist die hässlichste Stadt am schönsten Ort der Welt“, soll der Architekt Le Corbusier 1919 einmal gesagt haben. Mit dem Genex-Turm verfügt Belgrad heute über ein weiteres Gebäude, das die Hässlichkeit der Stadt für viele um ein brutales Exempel ergänzt. Anlass genug für einen kurzen Exkurs in die Architekturgeschichte einer unübersichtlichen Stadt. Geschrieben von Marc.

Genex Turm Belgrad

Genex-Turm: Überblick

Hässlichkeit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Als besonders schön empfinden den 1980 fertig gestellten Genex-Turm heute aber wohl die wenigsten. In der sozialistischen Planstadt Novi Beograd („Neu-Belgrad“) gelegen, überragt der 115 Meter Genex-Turm Bauwerk die Plattenbauten der umliegenden Wohnblöcke.

Während der Südturm dieses Bunker-Raumschiffes überwiegend Büros beherbergt, besteht der Nordturm aus Wohnungen. Auf Höhe des 26. Stockwerks sind beide Türme über eine Luftbrücke verbunden, die gleichzeitig Fundament für ein ehemaliges Drehrestaurant ist. Nicht nur hier in luftiger Höhe hat der Genex-Turm seine besten Zeiten bereits hinter sich, auch zu seinen Füßen zeigt sich der Verfall auf brutale Art und Weise.

Genex-Turm Belgrad

Allzu lebendig geht es zu Fuße des Genex-Turms nicht (mehr) zu.

Genex-Turm Belgrad

Ausblick vom Genex-Turm über Novi Beograd: Die Planstadt entstand ab 1948 auf ehemaligem Sumpfgebiet.

Symbol des Brutalismus

Der Verfall des Genex-Turms ist gewissermaßen symptomatisch für die architektonische Stilrichtung des Brutalismus. Nach seiner Blütezeit in den 50er und 60er Jahren werden seine Bauten heute – salopp gesagt – häufig als weder alt noch schön genug betrachtet, um geschützt zu werden. Logische Konsequenz ist ihr Verfall.

Derweil steckt hinter dem Begriff des Brutalismus weit mehr, als seine wuchtigen Beton-Bauten mitunter erahnen lassen. Um 1960 postulierten die britischen Architekten um das „Team X“ unter anderem folgende Richtlinien dieser Stilrichtung:

  • „Baustoffe müssen roh und unbearbeitet verwendet werden – sie dürfen nachträglich weder verkleidet noch verschönt, weder vergipst noch übertüncht werden.“
  • „Bauwerke dürfen nur ihrer Bestimmung entsprechend geplant werden, niemals als Denkmal für ihren Erbauer.“

Im Zentrum jener Bauten stand also deren Funktionalität, nicht deren Schönheit. Doch sind nur Gebäude wirklich schützenswert, deren Architekten sich mit „schönen“ Konstruktionen selbst verewigen wollten?

Genex-Turm Belgrad

Brutalismus: Der Genex-Turm in Novi Beograd wurde aus Beton gebaut. Daraus wird auch kein Hehl gemacht – auf Verschönerungen wurde komplett verzichtet.

Genex-Turm Belgrad

Der Genex-Turm in Novi Beograd: Ein Symbol des Brutalismus.

Belgrader Stil-Mix

Letztendlich steht der Genex-Turm sinnbildlich für die Geschichte und Architekturgeschichte Belgrads, das in den vergangenen Jahrhunderten einige Strapazen hinter sich hat. 1717 nahmen die Habsburger Belgrad ein, nachdem es 200 Jahre Teil des Osmanischen Reiches wurde. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Belgrad Hauptstadt des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen – eine Modernisierungswelle setzte ein.

1947 schließlich folgte die Grundsteinlegung Novi Beograds auf einstigem Sumpfgebiet zwischen Save und Donau. Der Baubeginn des Genex-Turms im Jahr 1977 krönte eine Ära sozialistisch-titoistischer Architektur. 1999 schließlich folgte die Bombardierung Belgrads durch die NATO, deren Spuren noch heute im Stadtbild sichtbar sind.

Neu-Belgrad Novi Beograd

Der Genex-Turm liegt inmitten des Plattenbaubezirks Novi Beograd im Westen von Belgrad.

Genex-Turm Belgrad

Stadt im Wandel: Erst 1980 fertiggestellt, hat der Zahn der Zeit schon jetzt am Genex-Turm genagt. Street-Art-Künstler freut’s.

Belgrad im Aufbruch

Ein Bohème-Viertel inmitten sozialistischer Bürogebäude. Ein pittoreskes Fischerdorf im Schatten wuchtiger Plattenbauten. Ein aufregendes Szeneviertel mit farbenfroher Straßenkunst im ehemaligen Industriegebiet. Was auf den ersten Blick wie ein wildes Durcheinander wirkt, ist schlussendlich nichts Anderes als logische Belgrader Realität.

„Dies ist eine lächerliche Hauptstadt; sogar noch schlimmer, eine anrüchige Stadt, schmutzig und desorganisiert“, setzte Le Corbusier seine Beschreibung Belgrads im Jahre 1919 fort. Anrüchig, schmutzig, desorganisiert – so könnte man Belgrad auch knapp einhundert Jahre später noch beschreiben. Doch es scheint auch, als sei genau diese Mischung Sinnbild eines heute so selbstbewussten Belgrads im Wandel.

Neu-Belgrad Novi Beograd

Die sozialistische Planstadt Novi Beograd entstand auf ehemaligem Sumpfgebiet…

Belgrad Zemun

… das in unmittelbarer Nähe an der Donau noch heute vorhanden ist.

Belgrad Skardarlija

Das Bohèmeviertel Skardalija beherbergt einige Restaurants mit typisch serbischer Küche…

Belgrad Platz der Republik

… und befindet sich nur wenige hundert Meter entfernt vom Trg Republike mit seinen modernen Gebäuden teils sozialistischen Ursprungs.

Vielleicht hätte Le Corbusier bei soviel Desorganisation ja eine Auszeit gut getan, wie in unserem Belgrad Reisebericht beschrieben. Und zu guter Letzt: Wusstet ihr schon, dass Belgrad und der Genex-Turm auch in der jüngeren Pop-Geschichte ihren Platz gefunden haben? Seht selbst:


Reisen um zu reisen!
John & Marc

11 thoughts on “Genex-Turm: Belgrads brutale Seite”

  1. Tobias S says:

    Da ihr hier so schön Le Corbusier zitiert: da möchte ich euch wärmstens einen Besuch in Marseille empfehlen – hier hat der große Meister viel errichtet, was uns heute ähnliche befremdlich und „brutal“ erscheint. Die Stadt lebt sehr stark von der Melange aus jahrhundertealter Architektur und dem architektonischen Aufbruch unter Le Corbusier. Was nun im Laufe der Zeit erfolgreicher war … tja, da dürfte sich die Stadt am Mittelmeer nicht so sehr von Belgrad unterscheiden.
    Dennoch: sehr spannend!

    Danke für euren Beitrag!

    Gruß,
    Tobias

    1. 1 THING TO DO says:

      Gerne! Marseille und Südfrankreich stehen ohnehin auf unserer natürlich eigentlich nicht existenten Liste. 🙂 Das schauen wir uns bestimmt in den nächsten Jahren mal an!

  2. Heinz und Christine says:

    Der Genex-Turm erinnert uns an den Intempo-Turm in Benidorm, der dort protzig 190 Meter hoch aus den anderen Hochhäusern herausragt. Es handelt sich ebenfalls um einen Doppelturm, der mit einer kegelförmigen Konstruktion verbunden ist, die an einen umgekehrten Diamanten erinnern soll. Er wurde 2006 „als Zeichen einer neuen Philosophie und einer neuen Architektur“ begonnen, als in Spanien der Bau- und Immobilienboom ausbrach. Vielleicht hat der Architekt Roberto Perez Guerras in Belgrad die Idee abgekupfert? Für uns jedenfalls ist das ganze Benidorm ein „brutaler“ Schandfleck in der spanischen Landschaft. Aber euer Artikel über den Brutalismus war interessant zu lesen!
    Liebe Grüße
    Heinz und Christine

    1. 1 THING TO DO says:

      Eben mal recherchiert… die Ähnlichkeit ist auf jeden Fall da! Nur der Architelt der Intempo-Turms wollte sich offenbar im Gegensatz zum Genex-Turm selbst verewigen, da steht der Prunk mehr im Vordergrund. Ob das nun gelungen ist, ist die andere Frage… 🙂

  3. sylviawaldfrau says:

    Habe bisher noch nie etwas vom Baustil „Brutalismus“ gehört. Wirklich interessant zu lesen und danke, denn man lernt sogar noch etwas dazu.

    1. 1 THING TO DO says:

      Das freut uns zu hören, vielen Dank!

  4. Da Wolf says:

    Komm aus dem näheren Architekturgewerbe und kannte den Genex Turm bislang nur von Bildern. Ich fand euren Bericht wirklich toll und interessant! Nur weiter so! Überlege jetzt auch ernsthaft einen architektonisch spezifischen Artikel über den Turm zu schreiben! Die Corbusier Annektoten hatte ich bislang auch noch nie gehört gehabt.

    1. 1 THING TO DO says:

      Puh, na das freut uns, dass wir mit dem Artikel aus Architektur-Experten-Sicht nicht ganz daneben lagen… 🙂 Vielen Dank!

  5. ☼Sigrid☼ says:

    Obwohl mir die Architektur Belgrads eigentlich egal ist – ja ich gebe das offen zu – habe ich doch euren Bericht gelesen und ich finde es sehr interessant, dass bei Architektur auf keinen Fall auf Schönheit, sondern nur auf Zweckmäßigkeit geachtet wurde (oder wird). Wo wir doch sonst immer Bauwerke bewundern oder Architektur, die gerade unseren Schönheitssinn anspricht. Deshalb habe ich ihn auch zu Ende gelesen und mir dann das Video angeschaut. Also mehrere Male habe ich so ein flaues Gefühl in der Magengegend bekommen, weil ich fast nicht hinsehen konnte. Nicht dass ich Höhenangst hätte, aber was dieser junge Mann da wagt, ist geradezu unglaublich bis fahrlässig, aber er ist alt genug, um mit seinem Leben „zu spielen“. Andererseits scheint er so ein gutes Körpergefühl zu haben, so viel Muskelkraft und Kondition, dass bei ihm alles sehr spielerisch wirkt.
    Toll, danke für das Video. Seit ich hier bei WordPress bin, habe ich so viele neue Einblicke in „andere Welten“ gewonnen, eben „Welten“ von anderen Bloggern und das gefällt mir richtig gut.
    Liebe Grüße S.

    1. 1 THING TO DO says:

      Hallo Sigrid! 🙂

      Das mit der Architektur in Belgrad ging uns ganz ähnlich, aber der Genex-Turm hat uns so herausgefordert, dass wir ihn uns einmal genauer anschauen mussten. Die Stilrichtung des Brutalismus war uns ebenso kein Begriff, aber alleine schon der Name hat unser Interesse geweckt, daher haben wir mal diesen kleinen Architektur-Exkurs gewagt. 😉

      Das Video ist wirklich gut gemacht – unglaublich, wie selbstverständlich er dort ohne Sicherung herumbaumelt. 🙂

      Liebe Grüße!

      1. ☼Sigrid☼ says:

        Stimmt und schon der Ausdruck „Brutalismus“ hat mich ein wenig erschreckt, aber irgendwie passt er.

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