Friedrichshain: Eine Reise vor der Haustür

Seit bald fünf Jahren wohne ich in Berlin-Friedrichshain. Ich meine, meinen Bezirk ziemlich gut zu kennen. Eine Reise durch meinen geliebten Kiez? Schier unmöglich! Doch mit dem Frühling als treuen Begleiter wagte ich das Experiment. Geschrieben von Marc.

Friedrichshain Frühling

Osterglocken auf der Karl-Marx-Allee versprühen Frühlingsstimmung am Frankfurter Tor in Friedrichshain.

Ein lieb gewonnenes Türmchen

Die gute alte Westentasche. Jeden Tag trete ich vor die Haustür und blicke dabei auf den Südturm des Frankfurter Tors, eines der Wahrzeichen von Berlin-Friedrichshain. „Mein Türmchen“ ist eines der markantesten Elemente der sogenannten Stalinbauten, die hier bis 1957 im stalinistischen Zuckerbäckerstil erbaut wurden.

Die Fliesenoptik der wuchtigen Wohnhäuser entlang Karl-Marx- und Frankfurter Allee spalten die Gemüter. Trotz ihrer Geschichte habe ich mich aber längst in sie verliebt. Gerade in den Abendstunden, wenn sie zum Sonnenuntergang golden funkeln, fühle ich mich hier richtig heimelig. Und das Türmchen selbst habe ich schon in jeglichem Ambiente bestaunt und fotografiert – ob bei Tag oder bei Nacht, umringt von Regenbögen oder Gewitterblitzen, ja sogar schon im mystischen Licht einer partiellen Sonnenfinsternis habe ich es genau beobachtet. Ob es sich von mir bedrängt fühlt?

Frankfurter Tor Säulengang

Säulengang am Südturm der Frankufter Tors: Ein kleiner Einblick in die goldenen Farbenspiele der gefliesten Zuckerbäckerbauten.

Berlin Frankfurter Alle Peace

Die sogenannten Stalinbauten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg als Statusobjekte stalinistischer Architektur errichtet.

Berliner Frankfurter Allee

Große Teile der Stalinbauten sind heute verfallen, doch macht genau das – wie so oft – auch ihren Charme aus.

Der Frühling als Reisebegleiter

Am ersten Frühlingswochenende des Jahres jedoch packte mich die Lust, meine Umgebung neu zu entdecken. Ich ließ mich treiben von der florierenden Natur. Von rosaroten Kirschblüten und gelben Osterglocken. Von sprießenden Knospen und lilafarbenen Kroküsschen. Und von dem Wohlgefühl der warmen Sonnenstrahlen, das mich und die Menschen hier in Friedrichshain durchfährt – von der 90-jährigen Kiez-Omi über den Spanisch palavernden Berghain-Druffi bis zum kiffenden Touristentrupp.

Mein Experiment sorgte nicht nur dafür, dass ich tatsächlich ganz neue Eindrücke aus Friedrichshain mitnehmen konnte – ganz egal ob in nie betretenen Hinterhöfen, entlang einer bislang unentdeckten Promenade am Spreeufer oder auf einem dörflich anmutenden Friedhof auf der Halbinsel Stralau. Vor allem hatte ich während meiner vierstündigen Entdeckungstour tatsächlich das Gefühl, mich auf einer Reise zu befinden. Und das direkt vor meiner Haustür.

Berlin Friedrichshain Frühling

Kirschblüte an der Karl-Marx-Allee: Der Frühling sollte mir auf meiner Reise durch Friedrichshain den Weg leiten.

Berlin im Frühling_1 THING TO DO

Bereit für ein paar Berliner Frühlingsgefühle?

Vom Kiez zur Spree

Die folgenden Bilder nehmen dich mit auf eine waschechte Reise durch den Friedrichshainer Frühling – von der Karl-Marx-Alle bis zur idyllischen Halbinsel Stralau zwischen Spree und Rummelsburger Bucht.

Berlin Friedrichshain Fassade

Einst als Neubauten verrufen, verfallen viele Friedrichshainer Wohnhäuser inzwischen zu Altbauten. Aber wie so oft kommt es am Ende auch ganz darauf an, was man daraus macht.

Berghain Frühling

Versprüht selbst im Frühling nicht unbedingt Herzenswärme: Der Friedrichshainer Technotempel Berghain.

East Side Gallery the other side

Hello from the other side! Die East Side Gallery von ihrer eher unrühmlichen Seite. Am Spreeufer wird zum Unmut vieler Friedrichshainer viel gebaut.

Berlin Friedrichshain Spreeufer

Kein ganz unbekannter Ort, der jedoch immer wieder zum Verweilen einlädt: Das Friedrichshainer Spreeufer mit Blick auf die Oberbaumbrücke.

Oberbaumbrücke: Auf zu neuen Ufern

Berlin Oberbaumbrücke Blick nach Süden

Die Oberbaumbrücke ist nicht nur die schönste Brücke Berlins, sondern bietet beiderseits einen fantastischen Blick über die Spreeufer.

Berlin Oberbaumbrücke Fensterblick

Die Oberbaumbrücke verbindet die beiden Berliner Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg und blickt auf eine Geschichte mit vielerlei Höhen und Tiefen zurück.

Oberbaumbrücke Osthafen

Nanu! Plötzlich bemerkte ich, dass auch das Spreeufer am Osthafen eine Promenade hat, auf der sich wunderbar schlendern lässt. Man lernt eben nie aus.

Berlin Osthafen Statue

Ist das Kunst oder kann das weg? Wenn abgedroschene Sprüche ihre Berechtigung finden.

Graffitikunst am Osthafen

Berlin Osthafen Graffiti

Hatte ich zuvor auch noch nie entdeckt: In Richtung Eisenbrücke stehen einige Betonwände, an denen sich Graffitikünstler munter austoben können.

Berlin Graffiti am Osthafen

Bald wird auch hier am ehemaligen Osthafen weiter gebaut, doch noch bewahrt sich der Ort ein großes Stück Alternativität.

Berlin Osthafen Graffitis

Wenn irgendwann die letzte Betonwand besprüht ist, muss man sich eben auch mit kleineren Flächen zufrieden geben.

Glaswerk Stralau

Das ehemalige Glaswerk Stralau gehört zu den gerne besuchten "Abandoned Places" in Berlin. Credits: Oliver Abels, "Werkstattgebäude der alten Glasfabrik", Wikimedia Commons

Das ehemalige Glaswerk Stralau gehört zu den gerne besuchten „Abandoned Places“ in Berlin. Credits: Oliver Abels, „Werkstattgebäude der alten Glasfabrik“, Wikimedia Commons

Berlin Glaswerk Stralau

Auch das ehemalige Stralauer Glaswerk wurde über die Jahre mit dem einen oder anderen Stück Street Art versehen.

Glaswerk Stralau Graffiti

Macht keinen allzu vertrauenswürdigen Eindruck, oder? Nichtsdestotrotz ist das Stralauer Glaswerk ein beliebter Ort für Selfies und Hedonismus.

Eine Insel! Insel-Feeling auf Stralau

Berlin Stralau Pandaboot

Die Halbinsel Stralau besucht wohl kaum ein Berlin-Besucher. Umso besser! Denn nicht nur dieser Panda kann hier wunderbar die Stille genießen.

Berlin_Rummelsburger Bucht_1 THING TO DO

Die Halbinsel wird umringt von Rummelsburger Bucht und Spree und zeigt Friedrichshain von seiner natürlichen, ruhigen Seite.

Berlin Stralau Trauerweide

Vor der Südspitze Stralaus liegen die Liebesinsel sowie das kleine Eiland Kratzbruch. Auf Stralau säumen Trauerweiden das Ufer.

Friedhof Alt-Stralau: Berlin dörflich

Friedhof Alt Stralau

Einen solchen Anblick hatte ich in Berlin bis dato auch selten gesehen. Auf dem Friedhof Alt-Stralau herrscht dörfliche Stille.

Berlin Stralau Spreeufer

Am Spreeufer des Friedhofs lässt sich innehalten und über die Wesentlichen Dinge des Lebens nachdenken.

Berlin Stralau Park

Stralau bietet neben etlichen Wohnkomplexen mit sicherlich saftigen Miet- und Kaufpreisen zahlreiche Parks und Naherholungsmöglichkeiten.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Eines hat mich mein Spaziergang durch das vermeintlich altbekannte Friedrichshain gelehrt: Reisen hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass man große Strecken zurücklegt oder möglichst weit weg von zu Hause auf Entdeckungstour geht. Reisen ist vielmehr eine Einstellung, bei der man seine Umgebung mit geschärften Sinnen einatmet. Reisen ist ein Gefühl, bei dem man offen ist, Altbekanntes in neuem Licht wahrzunehmen.

Ich habe mich auf meiner Route treiben lassen. Ursprünglich hatte ich mir in den Kopf gesetzt, ganz wo anders lang zu laufen. Doch schnell ließ ich die Botschafter des Frühlings meinen Weg bestimmen, den Kirschblüten, Knospen und Krokussen. Und lernte meinen Bezirk mit einer kindlichen Portion Neugier noch einmal neu kennen.

Berlin Ostbahnhof Endzeit

Ende der Reise! Ein Stillleben am Friedrichshainer Ostbahnhof fotografiert.

In diesem Sinne kann ich dich nur ermuntern, auch dein direktes Wohnumfeld, deinen Kiez, deine Stadt, dein Dorf – deine Heimat! – nicht außer Acht zu lassen, wenn es ums Reisen geht. Es kann gut sein, dass du hier auch nach etlichen Jahren noch immer neue Entdeckungen machst. Diese können dich gut und gerne genauso überraschen wie all jene in weiter Ferne. Denn am Ende kommt es vor allem auf den jeweiligen Blickwinkel an, mit dem du einen Ort erkundest. 

Reisen um zu reisen!
John & Marc

14 thoughts on “Friedrichshain: Eine Reise vor der Haustür”

  1. Wolfgang says:

    Renate und ich gehören zu den Münchnern, die Berlin lieben. Wie fast jedes Jahr werden wir auch dieses Jahr im Herbst wieder da sein. Beim Lesen eures Blogs musste ich daran denken, als ich 1981 in Ostberlin war. Es war der 13. August und an der Karl-Marx-Allee fand eine Parade zum Thema „20 Jahre antifaschistischer Schutzwall“ statt. Honecker redete. Abends unterhielt ich mich mit jungen Leuten, die vor einer Disco auf Einlass warteten. Auf die Frage, warum bei Honeckers Rede so wenige Leute geklatscht hätten, antwortete ein Typ lakonisch „Bei uns pfeift man nicht“.

    1. 1 THING TO DO says:

      Eine sehr schöne Anekdote, Wolfgang! 🙂 Wobei wir ja etwas überrascht sind, dass es Münchner gibt, die Berlin lieben. 😉 Liebe Grüße!

  2. Atroksia says:

    Fantastische Bilder. Hat richtig Spaß gemacht der Rundgang 🙂

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke, und gerne wieder! 😀

  3. Christina says:

    Hallo Marc,
    sehr schöne Idee. Mir geht es genauso. Obwohl ich schon ewig am gleichen Ort wohne, entdecke ich hier auch gerne neue Dinge (obwohl das mittlerweile nicht mehr so oft passiert). Besonders bei schönem Wetter kann so ein kleiner Spaziergang durch die Heimat richtig schön sein. Wie du es so schön gesagt hast, das Reisen ist eine Einstellung.
    Viele Grüße
    Christina

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir und schön, dass wir da anscheinend ähnlich denken. 🙂 „Das Gute lieft so nah“ ist wahrscheinlich mehr als nur ein abgedroschener Spruch…

      Liebe Grüße!

  4. Tobias says:

    „Reisen hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass man große Strecken zurücklegt oder möglichst weit weg von zu Hause auf Entdeckungstour geht.“

    Mhm… ist es eigentlich dann billig von mir kopiert, wenn ich demnächst mit ganz ähnlichen Auge durch München gehen? (Hatte ich schon länger vor, ich schwör’s! ;)) Route habe ich bereits im Kopf, jetzt sollte nur mal wieder die Sonne rauskommen.

    Danke für die coolen Eindrücke aus Friedrichshain!

    Gruß aus dem Süden,
    Tobias

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für den Kommentar, sorry für die späte Reaktion! 😉

      Inzwischen sollte die Sonne doch mal wieder rausgekommen sein im fernen Süden? 🙂

      Liebe Grüße!

  5. Sigrid Minkenberg says:

    Hallo Marc,
    danke für den schönen Spaziergang und die tollen Fotos. Was du schreibst, stimmt ganz genau, nämlich dass viele ihr näheres Umfeld überhaupt nicht gut kennen, während sie mehrmals jährlich „reisen“. Seit ich im Ruhrgebiet wohne (nur vorübergehend) besuche ich meine „Heimat“ im Südwesten mit ganz anderen Augen, besuche Orte, die Einheimische links liegen lassen und erlebe die Gegend dort ganz anders. Übrigens kenne ich Dortmund und die Umgebung wahrscheinlich auch besser als viele Einheimische, habe ich doch Stadtführungen, Bustouren in die Umgebung mitgemacht und auch die Stadt wie eine Touristin erkundet. Viele Dortmunder haben sich schon gewundert, was ich alles schon gesehen habe, obwohl ich erst so kurz in der Stadt wohne. Um auf Entdeckungstouren zu gehen muss man tatsächlich nicht weit reisen, sondern nur die Augen öffnen! LG nach Berlin ☼Sigrid☼

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke dir, liebe Sigrid! Dieser Ortswechsel begünstigt wahrscheinlich auch, dass man eine andere Perspektive auf die Heimat bzw. den neuen Wohnort gewinnt. Wer immer „nur“ an einem Ort lebt (das soll aber auch nicht dispektierlich sein), wird wahrscheinlich etwas heimatblind… Liebe Grüße!

  6. Shaoshi says:

    Tolle Eindrücke, aber vor allem der letzte Satz „Denn am Ende kommt es vor allem auf den jeweiligen Blickwinkel an, mit dem du einen Ort erkundest.“ ist stark. Genau so ist es!

    1. 1 THING TO DO says:

      Vielen, lieben Dank! Der Satz scheint ja so einigen gefallen zu haben. 😀 Quote of the month. 😉 Liebe Grüße!

  7. eva says:

    Hallo, ganz große Klasse, dieser Beitrag! Habe in Friedrichshain mal gearbeitet und etliche Freunde von mir leben dort. Man sollte sich wirklich die Zeit nehmen und sein Wohnumfeld fotografieren, zumal es bestimmt in einigen Jahren dort ganz anders aussieht. Die Fotos inspirieren mich dazu, auch mal wieder durch Berlin zu ziehen, um zu fotografieren.
    Herzliche Grüße Eva

    1. 1 THING TO DO says:

      Super, wir freuen uns immer, wenn wir ein bisschen inspirieren können. Berichte gerne, wenn du die Tour gemacht hast. 🙂

      Liebe Grüße!

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