Dark Tourism Auschwitz: Reisen an Orte des Schreckens

Ein Spaziergang an der Wawel, ein Cocktail im Ausgehviertel – und am nächsten Tag ab nach Auschwitz. So sieht das Programm nicht weniger Krakau-Touristen aus. „Dark Tourism“ heißt der Modebegriff für das Reisen an Orte des Schreckens. Ground Zero, Tschernobyl, Theresienstadt: Aus welchem Grund zieht es uns Menschen immer wieder zu solch düsteren Schauplätzen der Geschichte? Geschrieben von Marc.

Dark Tourism Auschwitz

Dark Tourism Auschwitz: In diesem Bericht denken wir über das Reisen an Orten des Schreckens nach. Denn Reisen hat nicht nur schöne Seiten.

Dark Tourism: Ist Reisen immer nur positiv?

Reiseblogs beschäftigen sich in der Regel mit den positiven Seiten des Weltenbummelns. John und ich machen es kaum anders: Ein feuerroter Sonnenaufgang über Mount Athos, eine Fischerkneipe an der Donauküste von Belgrad und ein Restaurant über den Dächern von Jerusalem kürten wir bereits zum 1 THING TO DO und verbinden damit ausschließlich angenehme Erinnerungen.

Wohl jeder von uns ist jedoch im Umfeld einer Reise schon einmal an einen Ort gereist, der ganz und gar negativ konnotiert ist. John und ich machten auf unserer Spreewald Fahrradtour einen Zwischenstopp auf dem Waldfriedhof in Halbe, wo 28.000 Kriegsopfer begraben liegen. In Krakau stiegen wir in einen Steinbruch hinab, in dem nicht nur der Film „Schindlers Liste“ gedreht wurde, sondern im Zweiten Weltkrieg tatsächlich der Holocaust tobte. Und ich selbst besuchte bereits jenen Ort, der wohl wie kein anderer für Tod und Massenmord steht. Auschwitz.

Auschwitz_Hochspannung Lebensgefahr_1 THING TO DO

Zynismus pur: Elektrische Zäune hinderten Häftlinge an der Flucht, gewarnt wird vor „Lebensgefahr“. Derweil wartete diese auch im Inneren von Auschwitz I.

Besuch der Todesfabrik

Bevor ich auf die Frage eingehe, weshalb wir Menschen so schauderhafte Orte wie Auschwitz bereisen, möchte ich ein paar Gedanken zu meinen Erlebnissen in der ehemaligen Todesfabrik festhalten. Zusammen mit meiner Familie entschloss ich mich vor vier Jahren, den unvorstellbarsten und gleichzeitig beschämendsten Schauplatz der deutschen Geschichte zu besuchen.

Wir starteten mit der Besichtigung von KZ Auschwitz II, dem auch als Auschwitz-Birkenau bekannten und mit Abstand größten Areal der Vernichtungsmaschinerie in Südostpolen. Ich weiß noch genau, was ich fühlte, als wir gemeinsam durch das zu trauriger Berühmtheit gelangte Eingangstor schritten und erstmals das gesamte Ausmaß dieses Konzentrationslagers erahnen konnten.

Auschwitz_Gleise_1 THING TO DO

Ein Bild, zu dem man wohl nicht mehr viel sagen muss.

Überforderte Vorstellungskraft

Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich das schreckliche Ausmaß dessen, was hier von gerade einmal 75 Jahren begann, einfach nicht realisieren werde können. Selbst wenn ich es hier teilweise in Trümmern liegend vor mir sah. Links die Backsteinbaracken für männliche Häftlinge, rechts die Reste der Holzbaracken für Frauen und Kinder, in die Mitte die Gleise in Richtung zweier Krematorien, auf halber Strecke die Rampe, auf der nach Ankunft der Häftlinge selektiert wurde zwischen schnellem und langsamem Tod.

All das lag hier direkt vor meinen Augen. Doch vielleicht ist es genau diese mörderische Effizienz, genau diese ekelhafte „Rationalität“, mit möglichst wenig Aufwand eine möglichst große Anzahl von Menschen industriell zu eliminieren, die mir Schwierigkeiten bereitet, das Unfassbare zu begreifen. Zwischen meiner gesamten Sozialisation und diesem abscheulichen Denken liegen nicht Welten, denn „Welten“ sind einfach zu konkret für etwas, das ich absolut nicht in Worte fassen kann.

Auschwitz_Birkenau_Lager_1 THING TO DO

Linkerhand des Eingangs stehen dutzende Backsteinbaracken, in denen überwiegend männliche Häftlinge untergebracht wurden.

Auschwitz_Birkenau_KZ_1 THING TO DO

Rechterhand ist nur noch eine Reihe von Holzbaracken erhalten, der Rest der unmenschlichen Behausungen ist nur noch am jeweiligen Fundament zu erkennen.

Auschwitz_frueher und heute_1 THING TO DO

Früher und heute: Vor der Flucht vor der Roten Armee wurde dafür gesorgt, möglichst alle Beweise des Völkermords auszulöschen, in diesem Falle ein Krematorium.

Humanität und Solidarität

Am ehesten realisierte ich die schwarze Vergangenheit dort, wo ich mit den Schicksalen der Opfer näher in Berührung kam. In den Baracken, wo sie auf engstem Raum zusammengepfercht wie in einem Viehstall qualvolle Stunden verbrachten. Im Stammlager Auschwitz I, wo eine nicht greifbare Masse an Haaren in einer riesigen Vitrine ausgestellt wird. An einer Fotowand, wo mich freundliche und glückliche Menschenaugen anschauten, die hier in purer Sinnlosigkeit ihr Licht verloren.

Das vage Ziel, durch die Konfrontation mit dem historischen Ort der Geschehnisse besser zu realisieren, was hier vor nicht einmal einem Jahrhundert passierte, wurde kaum erfüllt. Weiter gebracht hat mich die Reise nach Auschwitz dennoch. Sie hat mich in meiner Humanität und der Solidarität mit Ausgegrenzten bestätigt. Insofern wäre der Besuch dem einen oder anderen Zeitgenossen besonders dringend nahezulegen.

Birkenau_Block 16a_1 THING TO DO

In Block 16a auf dem Gelände Auschwitz-Birkenau wurden ausschließend Kinder „untergebracht“.

Auschwitz_Baracke_Schlafplatz_1 THING TO DO

Einige Baracken können heute von innen besichtigt werden. Besonders bedrückend für mich war die Enge der jeweiligen Schlafkästen.

Wieso Dark Tourism?

Wieso aber zwingen wir uns überhaupt in solche Situationen, in denen wir uns mit der dunklen Vergangenheit der Menschheit konfrontieren? Ist es lediglich das Streben danach, besser zu verstehen, was wirklich passierte?

Auschwitz mag hierbei ein sehr krasses Beispiel für diese Form des Tourismus sein, den sogenannten „Dark Tourism“. Ohnehin zielt dieser nicht darauf ab, einzelne Orte des Grauens untereinander abzuwägen oder gar zu relativieren. Alles andere wäre auch einfach nur makaber. Das Fotoprojekt „I was here“ des Fotografen Ambroise Tézenas zeigt jedoch, wie viele Orte es weltweit gibt, die genau wegen jener dunklen Facetten teilweise hunderttausende Touristen pro Jahr anziehen – von einem durch Erdbeben zerstörten Gebiet in China über Ground Zero bis Tschernobyl.

Auschwitz_Appellplatz_1 THING TO DO

Appellplatz in Stammlager Auschwitz I: Zweimal am Tag mussten sich die Häftlinge hier zur Kontrolle einfinden. Der Platz war außerdem Schauplatz etlicher öffentlicher Hinrichtungen.

Dark Tourism in den Medien

Eine Literaturrecherche zum Thema Dark Tourism in gängigen deutschen Tageszeitungen liefert vermeintliche Erklärungsversuche. Einige davon seien an dieser Stelle in Zitatform zusammengefasst:

„Natürlich gibt es auch unter den ‚Dark Tourism‘-Forschern Kulturpessimisten. Es gibt Anzeichen dafür, dass eine Art ‚emotionaler Kick‘ gesucht wird, eine persönliche Katharsis: erst zum Mahnmal, dann zum Currywurst-Museum.“ – Der Tagesspiegel (2013)

„Es gibt eine Lust am Schrecklichen, die fest in der menschlichen Psyche verankert zu sein scheint. Früher waren es Hexenverbrennungen, Gladiatorenkämpfe, Pranger, die bis in das 19. Jahrhundert hinein eine Unterhaltungsfunktion darstellten. Heute ist es das Dschungelcamp und Dark Tourism.“ – Die Zeit (2016)

„Es ist eine Klientel, bei der sich äußerst schwer sagen lässt, wo die Solidarität mit Opfern der Geschichte und wo das pure Vergnügen am Voyeurismus beginnt – die Lust daran, den Spuren des Grauens und dem Geruch von Menschenopfern zu folgen. Und ebenso schwer fällt es zu sagen, ob jemand aus dieser Erfahrung tatsächlich moralisch erschüttert herausgeht – oder tatsächlich daran eine morbide Neugierde befriedigt hat.“ – Die Welt (2015)

Auschwitz 1_ Arbeit macht frei_1 THING TO DO

Zum Unmut vieler respektvoller Besucher gleicht das Schild „Arbeit macht frei“ an manchen Tagen einem Selfie-Place.

Frage ohne Antwort

Die Frage, weshalb wir Menschen an Orte des Schreckens reisen, kann ich in diesem Artikel natürlich nicht final beantworten. Vielleicht bin ich jedoch nicht Kulturpessimist genug, um mich obigen Zitaten wirklich anschließen zu können. Sicher: Es gibt jene Touristen, bei denen der Besuch einer Stätte des Todes dem eines Freizeitparks gleicht. Es gab sie auch in Auschwitz, nämlich all jene, die unter dem Schild „Arbeit macht frei“ mit Duck Face für ein Selfie posierten.

Ich glaube jedoch, dass der Großteil der Reisenden entsprechende Orte mit Respekt besucht. Mit Respekt vor den Opfern, ihrem unsäglichen Leid, aber auch mit Respekt vor unserer eigenen Geschichte. Orte wie Auschwitz sind fest verankert in unserem kulturellen Gedächtnis. Sie sind Orte der Erinnerung und des Gedenkens, beides individuelle, vor allem aber auch kollektive Prozesse. Sie vergewissern uns unserer gemeinsamen Identität, unserer gemeinsamen Geschichte, unserer gemeinsamen Verantwortung.

All dies hat nichts mit Dschungelcamp, Gladiatorenkämpfen oder der Geilheit am Schrecklichen zu tun, sondern vielmehr mit unserer moralischen Pflicht. Und der simplen Tatsache, dass wir Mensch und menschlich sind. 

Auschwitz_Konzentrationslager_1 THING TO DO

Hast du schon ähnliche Erfahrungen auf deinen Reisen gemacht? Kannst du von Erlebnissen berichten, bei denen andere Reisende wenig respektvoll mit der Geschichte eines Ortes mit dunkler Vergangenheit umgegangen sind? Und was ist deine Meinung zum Dark Tourism und seinen Hintergründen? Teile es uns gerne in der Diskussion unter dem Artikel mit.

PS: Aus thematischen Gründen verzichten wir an dieser Stelle auf die obligatorische Abschlussformel. Auschwitz ist eben kein Reiseziel wie jedes andere.

13 thoughts on “Dark Tourism Auschwitz: Reisen an Orte des Schreckens”

  1. Caro says:

    Lieber Marc,

    Reisen in die Geschichte finde ich immer interessant. Bei uns war es so bei unserer Prag-Reise vor ein paar Jahren… Schon komisch, freitags und samstags in Prag zu feiern und Spaß zu haben und dann am Sonntag auf dem Rückweg in Theresienstadt zu halten – es war aber unglaublich interessant, unser Guide hat uns einen spannenden historischen Einblick gegeben. Selfies hat dort – Gott sei Dank – niemand der Besucher geschossen, wäre auch absolut makaber und unpassend.

    Außer mir wollte eigentlich auch keiner unserer Truppe dort halten, aber (autsch, das klingt jetzt wahnsinnig) es war mein Geburtstagswunsch, wo wir eh schon in der Nähe waren und ich im Geschichts-LK so viel drüber gehört hatte 😉 Da merkt man aber mal, wie schnell ein solch grausamer Ort den Geist von Geburtstagsstimmung auf Ehrfurcht umpolt. Wenn man einmal selbst auf dem Gelände stand, kann man sich erstmals ansatzweise vorstellen, wie schrecklich die Geschichte wirklich ist!

    Schöne Grüße,
    Caro

  2. sarahreist says:

    Danke vielmals für den Artikel. Habe mich in letzter Zeit auch damit auseinandergesetzt. Wohl deswegen, weil ich in Hiroshima war. Was dort geschah, weiss ja auch jeder. Und natürlich habe ich den Peace Memorial Park besucht. Und weiss heute noch nicht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite hat mich die Ruhe dort sehr stark beeindruckt. Auf der anderen Seite habe ich aber (obwohl ich mich zuerst nicht getraut habe) dann doch Fotos gemacht. Touristin halt eben. So schrecklich wie es sich nun anhört: Der A-Bomb-Dome ist halt ein gutes Motiv… Und trotzdem hat mich dieser Besuch irgendwie auch total fertig gemacht. Musste zwischendurch mal eine Pause einlegen und mit einem Freund chatten, der mich wieder aufbauen musste. Bevor ich dann ins Museum weiterging. Und das Museum selber war dann der absolute „Höhepunkt“. Eigentlich „unspektakuläre“ Ausstellungsstücke, wie z.B. eine Schuluniform, eine Brille, … Aber zu jedem Ausstellungsstück gab es eine Geschichte. Und das lesen derer hat mich dann so richtig fertig gemacht. Danach war der Tag für mich irgendwie gelaufen. Kein weiteres Sightseeing mehr. Dafür wieder chatten mit einem Freund und mich aufbauen lassen.
    Ich bin der Meinung, dass man solche Stätten durchaus besuchen soll/muss. Erinnern sie einem doch daran, wie grausam wir Menschen sein können. Und hoffentlich bewirken sie in vielen Menschen etwas. Allerdings verstehe ich nicht, wie man das aus reinem Spass besuchen kann (und im schlimmsten Falle sogar noch Fun-Selfies macht). Fotografisch dokumentieren ja, Fun-Bilder nein.
    Und um noch kurz auf den ersten Kommentar einzugehen: Bin fast jedes Jahr als „Tourist“ in München (ok, „nur“ eine Freundin besuchen). Aber in Dachau war ich noch nie. Habe mich bisher einfach noch nicht hingewagt. Werde ich aber irgendwann noch nachholen. Da ich aber immer noch Hiroshima verarbeiten muss, wird das noch dauern.

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für deine ausführlichen Gedanken zu unserem Artikel! Es ist wohl einfach so, dass eben auch solche Erfahrungen zum Reisen irgendwie dazugehören… Wenn man fremde Kulturen und deren Geschichte kennen lernen will, dann gehören eben auch die Schattenseiten dazu. Liebe Grüße!

  3. franziefliegt says:

    Sehr interessantes Thema, das mir erstmal bewusst macht, wie oft es mich auch zu solchen Zielen zieht. Anne Frank Haus, Ground Zero, Holocaust Museen, Alcatraz oder jetzt erst eine Jack the Ripper Tour in London. Sie alle lassen mich bewegt, still, traurig zurück.
    Und doch suche ich solche Orte immer wieder auf – ein bisschen wie ich auch Bücher über schwierige und traurige Themen lese. Mit einem Gefühl der Verantwortung, dass diese Dinge und die Menschen, die dort gelitten haben, nicht in Vergessenheit geraten sollen, man sich immer wieder mit ihnen konfrontieren muss, um sie nicht zu leicht zu nehmen. Umso störender und unverständlicher ist es mir auch, wenn andere diese Dunkelheit und Traurigkeit gar nicht zu spüren scheinen, sondern fröhlich weiter posen und Selfies machen…

    Danke für deine Gedanken dazu! Liebe Grüße, Franzi
    https://franziefliegt.wordpress.com/

  4. Tobias S says:

    Lieber Marc,

    letzten Sommer fuhr ich nach Dachau. Ein Sonntagsausflug. Jahrelang aufgeschoben. Denn darf ein solcher Ort ein „Sonntagsausflug“ sein? Ich hatte etwas Angst vor den Gefühlen, denen ich dort begegne. Ich gebe zu: Lange wollte ich mir auch meine „Freizeit“ so nicht „verderben“.

    Egal, irgendwann musste es sein. Anfangs schlenderten wir über das große Gelände, betrachteten alles aus einer Distanz heraus, denn wer kann schon richtig begreifen, was dort vor wenigen Jahrzehnten geschah? Langsam ergriff es uns. Stück für Stück. Der Horror. Die Trauer. Die Scham.
    Ein beeindruckender Ort.

    Und ich glaube: Wir brauchen diese Orte. Das hat, für viele, nichts mit Sensationsgeilheit oder Selfie-Reizen zu tun, denke und hoffe ich. Es ist dieses Unbegreifbare, das mich an diese Orte zieht. Und doch ist es passiert. Holocaust. Völkermord. Krieg. Verbrechen.

    Es ist so schwer, diesen Gefühls-Cocktail in Worte zu fassen. Daher großes Dankeschön dafür, dass es dir hier an dieser Stelle gelungen ist.

    Gruß,
    Tobias

  5. Mona says:

    Ein wirklich gut geschriebener Artikel. Ich kann von mir persönlich sagen, dass auch ich mich zu solchen Orten hingezogen fühle. Ich war sowohl am Ground Zero als auch im KZ Dachau. Wirklich erklären kann ich es nicht, aber wenn ich es versuchen müsste, dann wohl mit den Worten dass ich diese Orte mit eigenen Augen sehen will um das ganze Ausmaß des Schreckens begreifen zu können.

    Als ich am Ground Zero war kamen mir direkt die Bilder der brennenden und einstürzenden Türme ins Gedächtnis und ich spürte eine unendliche Traurigkeit in mir aufsteigen.

    Als ich in Dachau war, da war ich gerade mal 14, empfand ich schon damals eine unglaubliche Wut und einen Ekel in mir aufsteigen. Durch diese „Duschen“ zu gehen, die Brennöfen zu sehen mit dem Wissen was dort vorgefallen war…da wurde mir wirklich richtig schlecht. Genau so eine Wut empfand ich auch bei meinem Besuch im Stasi Gefängnis Hohenschönhausen.

    Ich finde Dark Tourism gehört genauso zum Reisen wie der ’normale‘ Tourismus. Wir reisen, um die Welt zu sehen. Und die Welt ist eben nicht nur aus Zuckerwatte. Es gibt die fröhlichen Seiten, aber leider auch sehr viele Schattenseiten. Und beide Seiten sind wichtig, um seinen eigenen Horizont zu erweitern. Schöne Erinnerungen zu sammeln, aber auch nicht die Gräueltaten der Menschheitsgeschichte in Vergessenheit geraten zu lassen.

    Denn nur wer vergisst lässt zu, dass sich solche Taten wiederholen könnten. Und das darf nicht geschehen.

    Und aus diesem Grund bin ich definitv pro Dark Tourism…solange man respektvoll und mit Verstand an die Sache rangeht.

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Können wir zu 100% unterschreiben, auch dass Dark Tourism einfach eine Facette des Reisens unter vielen ist. Wichtig ist der Respekt vor dem, was wir besichtigen. Und den sollte man natürlich auch von jenen erwarten, sie so einen Ort touristisch gestalten. Es gibt ja auch Erlebnisgefängnisse, wo man sich schon fragen kann, ob hier der Respekt vor eventuell zu unrecht gefolterten Menschen tatsächlich gewahrt wird. Liebe Grüße!

  6. Lynn says:

    Wirklich ein sehr guter Artikel. Ich war auf Studienfahrt in Auschwitz und habe es als ein ganz einschneidendes Erlebnis empfunden. Bewusst habe ich auch damals keine Fotos gemacht, es erschien mir unpassend. Wobei ich sagen muss, das die Fotos hier sehr gut getroffen sind und keinesfalls nach „Urlaub oder Reisen“ aussehen.

    Gleichermaßen finde ich es aber auch schwierig, dann abends in Krakau in eine Cocktail Bar zu gehen und zu feiern.

    Man sollte sich für solche Orte zeitnehmen, dabei wie auch vorher und nachher. Ich finde es aber auch wichtig, sich mit allen Aspekten des Menschseins zu konfrontieren.

    Liebe Grüße,

    Lynn

    1. 1 THING TO DO says:

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Bezüglich der Fotos haben wir uns auch Gedanken gemacht, aber es ist wohl auch hier eine Frage des Respekts, wie und was man vor Ort fotografiert. Daher gibt es auch bewusst nur Fotos vom Gelände selbst und zum Beispiel keine voyeuristischen „Klick mich“-Fotos… Liebe Grüße!

  7. Paleica says:

    wow – selfies vor arbeit macht frei? gute nacht, es gibt kranke geister.
    ich war mit der schule vor mittlerweile einer ewigkeit im KZ mauthausen, das ist ja nicht soweit von uns entfernt. ich konnte das kaum erfassen, es war ein irgendwo sehr eigenartiges gefühl. auschwitz muss da natürlich noch eine stufe weiter drüber stehen.
    unlängst war ich im museum bei den steinhofgründen, am berüchtigten „spiegelgrund“. wir haben uns wohl über 2 stunden durch die räume gelesen und ich finde es irgendwo total makaber, dass heute noch dieselben gebäude benutzt werden wie damals, dass selbst die bezeichnungen der pavillions nicht geändert wurden.

    ich denke, es gibt zweierlei beweggründe für solche besuche. den einen davon beschreibt mMn die Zeit sehr gut. Der zweite ist wohl der, den du versuchst in worte zu fassen. sich diese orte anzuschauen soll das bewusstsein schärfen, das verstehen, das mitgefühl, sich damit konfrontieren, was menschen erleben mussten, der wahrheit ins auge schauen, auch wenn sie noch so grausam ist. es ist tatsächlich schwer zu beschreiben..

  8. Wolfgang Stoephasius says:

    Da ich in München lebe, nehme ich immer wieder folgendes Phänomen wahr: Viele München-Besucher, auch wenn sie nur zwei Nächte in der Stadt sind, wollen unbedingt nach Dachau. Wenn ich dann vor Ort bin und den Leuten so zusehe, habe ich das Gefühl, dass es sehr vielen (vielleicht sogar den Meisten) von ihnen nicht um die entsetzliche Geschichte des ersten Konzentrationslagers der Nazis und der Kaderschmiede der Vernichtungsstrategie geht, sondern nur um eine Art Gänsehauterlebnis. Da wird gekichert, Selfies werden geschossen, Gruppen posieren für eine Aufnahme vor der Gedenktafel. Das ist die traurige Seite des sogenannten Dark-Tourismus.

  9. Melli says:

    Orte wie Auschwitz zu besuchen ist finde ich auch ein wichtiger Teil des Reisens, nämlich der Bildung. Nur wenn man solche Orte mt eigenen Augen sieht kann man sich wirklich bewusst machen, was damals schreckliches passiert ist und dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht. Als ich in Amsterdam war, war ich zb auch im Anne Frank Haus und nach dem Besuch habe ich noch viel besser verstanden, wie es für die Menschen damals gewesen sein muss, die sich vor den Nazis versteckt haben.
    Über Leute die solche Orte ohne Respekt besuchen kann ich mich nur immer wieder ägern, an manchen Orten ist das Fotografieren dann auch zurecht, auch aus Rücksicht auf andere Besucher, verboten.

  10. Miriam says:

    Lieber Marc,
    ein sehr schön geschriebener Artikel wie ich finde.
    Auschwitz habe ich leider letztes Jahr nicht mehr geschafft und so einen 2-3 Stunden Ausflug wollte ich dann auch nicht, sondern mir wirklich Zeit nehmen für diesen Ort.
    Mir geben solche Orte keineswegs einen „emotionalen Kick“ sondern bewegen mich zu tiefst, und zwar so, dass danach definitiv keine Currywurst mehr runter zu bekommen ist. Bei mir persönlich sorgt der Besuch eines solchen Ortes nicht nur für meine Horizonterweiterung im Sinne des Wissens, sondern auch dafür, dass mir bewusst wird, dass so etwas (wenn es denn von Menschen gemacht wurde) nie wieder passieren darf. Das bringt mich eher dazu, mich persönlich einzusetzen. Ich bin mal gespannt, wie das in Hiroshima sein wird, und wie sich Leute dort verhalten. Mir selber wird es wahrscheinlich an die Nieren gehen.
    Es bleibt zu hoffen, dass es der Mehrzahl der Besucher solcher Orte ähnlich geht wie uns, und dass sie dafür sorgen, dass sich solche schrecklichen Ereignisse aus unserer Geschichte in der Zukunft nicht mehr wiederholen.

    Grüße aus Hamburg
    Miriam

Kommentar verfassen