Couchsurfing für Anfänger: Russland trifft Ukraine

1 THING TO DO is: Couchsurfing! John und ich sind noch ziemliche Anfänger in Sachen Couchsurfing. Dennoch konnten wir bereits nach wenigen Anläufen feststellen, wie schon das gelegentliche Aufnehmen von Couchsurfern unseren Alltagstrott bereichern  kann. Ein Bericht darüber, was Couchsurfing ausmacht und wieso bereits beim zweiten Mal die multikulturellen Fetzen flogen. Geschrieben von Marc.

Couchsurfing: Zweifel und Neugier

Im Vorfeld unseres Balkan-Trips machten John und ich uns schon länger Gedanken, wie wir unser 17-tägiges Abenteuer von Krakau nach Thessaloníki möglichst günstig gestalten könnten. Unterkunftstechnisch schlägt dabei wohl nichts die Möglichkeit Couchsurfing. Per App ein paar Leute anschreiben, auf Antwort warten, und schon hat man unter Umständen einen Einheimischen am Zielort gefunden, der einem nicht nur gratis ein Bett oder eben seine Couch zur Verfügung stellt, sondern am Ende womöglich auch noch die versteckten Geheimnisse der Stadt verrät.

Beim Abwägen von Pro und Contra Couchsurfing war gerade ich zu Beginn skeptisch. Über die vergangenen Jahre zu einem kleinen Airbnb-Fan gereift, gab ich mich mit den Einblicken, die eine Privatwohnung im Szenekiez im Vergleich zu einem Hotel im menschlich toten und nur touristisch lebendigen Stadtzentrum bietet, zufrieden. Und dann auch noch wildfremde Menschen im Gegenzug bei mir übernachten lassen? Wo ich doch so schon arbeitsbedingt kaum freie Zeit für Freizeit habe?

Couchsurfing für Anfänger

Berlin-Friedrichshain, wie hier am Frankfurter Tor im Winter, gehört auch unter Couchsurfern zu den beliebtesten Berliner Vierteln.

Lwiw trifft Berlin

Zweifel gab es also zur Genüge. Doch einmal auf der Couchsurfing-App angemeldet, kamen schnell auch schon die ersten Anfragen fremder Couchsurfer. Schließlich war gerade Ferienzeit im Sommer, wo sich junge Absolventen und Studenten weltweit auf den Weg rund um den Globus zu machen scheinen. Auf dem Weg gerade natürlich auch ins szenig-hippe-trendy-fancy-dreckige Berlin, wo ich im kiezig-gerade-noch-so-hippen Friedrichshain und John im eigentlich-schon-ewig-schmuddelig-schicken Kreuzberg zu Hause sind.

In meinem Falle kamen die meisten Couchsurfing-Anfragen aus dem osteuropäischen Raum. So überrascht es kaum, dass meine erste Zusage an Olha und Maryan aus Lwiw ging, einer Stadt im Westen der Ukraine, die ich bis dato überwiegend als Ausweich-Spielstätte der ukrainischen Fußballmannschaft Schachtar Donezk kannte. Im Spiel gegen den FC Bayern sprach der Kommentator schließlich noch davon, dass das 734.000-Einwohner-große Lwiw früher einmal den Namen Lemberg trug. Damals nämlich, als es auf der Landkarte noch Österreich-Ungarn gab und Deutschland von einem Kaiser regiert wurde.

Couchsurfing für Anfänger

Straßenzug von Lwiw in der westlichen Ukraine. Credits: Juanedc, „Cables“, Flickr

Aus Alltag wird Insidertipp

Ich hatte per Couchsurfing-App nur ein paar Mal mit Maryan hin- und hergeschrieben. Dennoch war ich erstaunlicherweise überhaupt nicht aufgeregt, als er und Olha an meiner Tür klingelten. Es war eher, als würden mich alte Freunde besuchen, und, na ja, am Ende stellte ich ihnen mein Bett zur Verfügung. Sie waren abhängig von mir und mussten freundlich sein. 🙂

Da ich ein fleißiger, ambitionierter Arbeitnehmer bin, hatten wir lediglich an zwei Abenden die Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen. Das Wetter war sommerlich und die beiden glücklich mit allem, was ich ihnen vorschlug. Daher unternahm ich mit ihnen einfach das, was ich auch ohne sie getan hätte – nur dass sie das dann als absolutes „meet the locals“ Insider-Wissen schätzten.

Berlin Oberbaumbrücke

Beliebtes Fotomotiv in Berlin: Spree-Panorama von der Oberbaumbrücke aus.

„Is it allowed to…?“

Ob an der Spree mit der Oberbaumbrücke im Blick oder ganz entspannt mit einer Flasche Bier im Volkspark Friedrichshain: Unsere unterschiedlichen Lebenswelten sorgten für genügend Gesprächsstoff. Gefühlt jede Frage von Olha begann mit den Worten „Is it allowed to…?“, mit denen sie sich zum Beispiel danach erkundigte, ob es in Berlin erlaubt sei, schwarz zu fahren, im Park zu grillen, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken oder Beamte und Ärzte zu bestechen.

Den Perspektivenwechsel komplett machte unser Besuch an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Olha und Maryan waren sichtlich berührt und geschockt, dass die Stadt, die sie heute als so freiheitlich und friedvoll kennen lernten, vor einem Vierteljahrhundert noch von einer grauen Mauer getrennt war, an der Menschen ohne Rücksicht erschossen wurden. Ich, geschichtlich überaus interessiert, der hier sonst so regelmäßig wie unbeeindruckt vorbeifährt, lernte dadurch, die Geschichte unserer Stadt noch einmal neu zu fühlen.

Volkspark Friedrichshain

Die große Wiese im Volkspark Friedrichshain: Auch unter der Woche treffen sich die Friedrichshainer hier, um den Tag entspannt ausklingen zu lassen

Multikulti-Grillkonflikt

Vor dem Hintergrund meiner ersten Couchsurfing-Erfahrung mit den beiden Ukrainern machte mich ein paar Tage später die Nachricht von Anastasia aus Jekaterinburg besonders neugierig. Denn natürlich hatte ich mich mit Olha und Maryan auch über die politische Lage zwischen Russland und der Ukraine unterhalten, wobei die beiden naturgemäß eine ziemliche – nennen wir es – „ukrainische“ Anti-Putin-Sicht hatten. Anastasia schließlich wollte mit ihrem ukrainischen Freund Artjom aus Odessa an der Schwarzmeerküste bei mir übernachten, was das russisch-ukrainische Setting perfekt machte.

Zusammen mit ein paar Freunden, John und seinem französischen Couchsurfer Guillaume trafen wir uns schließlich im Friedrichshain zum gemeinsamen multikulturellen Grillen. Für Außenstehende kaum nachzuempfinden entstand zwischendurch ein vergnügt-angeregtes Gespräch auf Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch und ein bisschen Ukrainisch. Ein Höhepunkt dabei war, wie wir freundlicherweise Anastasia, Artjom und Guillaume das Wort Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung als Beispiel romantisch-deutscher Amtspoesie vorlesen ließen.

Jekaterinburg aus der Vogelperspektive. Credits: Andrij Bulba, „Ektaterinburg from above“, Flickr (edited by 1 THING TO DO)

Zwischen Vision und Realität

Es kam jedoch, wie es kommen musste: Irgendwann kamen wir auf die politische Lage in Europa zu sprechen. Plötzlich wurden wir Zeuge, wie Anastasia (Russin) und Artjom (Ukrainer), eigentlich zusammen auf Reisen, sich gegenseitig ziemlich ankeiften. Für Anastasia war der „Anschluss“ der Krim an Russland eine logische historische Konsequenz. Artjom hingegen sah das ganz anders. Nicht jedoch, weil er die Krim als rein-ukrainisches Territorium versteht, sondern vielmehr auch als Gebiet der dort ebenfalls ansässigen Krimtataren. Der Streit zwischen beiden ließ uns alle besorgt dreinschauen, denn beide Ansichten schienen unvereinbar. Und so wurde der Friedrichshain kurzzeitig zum Schauplatz des Russland-Ukraine-Konflikts im Kleinformat.

Auf Englisch versuchten wir, zwischen den Fronten zu vermitteln. Doch am Ende war ein radikaler Themenwechsel der einzig sinnvolle Weg zum Waffenstillstand. Ich nutzte die Gelegenheit zumindest, den Europäer raushängen zu lassen. Wieso muss ein Stück Land denn nur einem Staat, nur einer Nation gehören? Vergesst die Grenzen, vergesst den Hass, lebt doch einfach miteinander statt gegeneinander, sagte ich. Und fühlte mich in diesem Moment ziemlich idealistisch.

Grillen verboten, aber keiner hält sich dran im Volkspark Friedrichshain. Ein Stückchen Freiheit.

Couchsurfing für dich selbst

Bezüglich meiner Einstellung zum Couchsurfing zeigte mir dieses Erlebnis, wie wertvoll es ist, die verschiedenen Ansichten über die Konflikte der Welt einmal aus der Sicht jener mitzubekommen, die direkter daran beteiligt sind als wir im fernen Mitteleuropa.

Wieder wurde mir vor Augen geführt, dass wir vermeintlich Selbstverständliches stärker schätzen sollten. Das Europa, in dem wir leben, bleibt trotz aller Probleme und Bürokratie am Ende doch die Zukunft. Und so half mir Couchsurfing nicht nur dabei, das fremde Andere besser kennen zu lernen. Sondern vor allem auch mich selbst.

In Kürze: 1 THING TO DO – Couchsurfing

Was? Einfach Couchsurfing.
Wo? Wo auch immer du dich befindest: Entscheidend ist nicht der Ort, sondern mit wem du dort aufeinander triffst.
Wie viel? Kostenlos für den Gast (Gastgeschenke sind aber natürlich gerne gesehen), für den Gastgeber bis auf Strom- und Wasserkosten ebenfalls. 😉
Warum? Perspektivenwechsel erleben, Fremdes kennen lernen und vermeintlich Selbstverständliches neu entdecken.

Mehr zum Thema Couchsurfing und vor allem, wie du auf Reisen am besten einen Gastgeber findet, erfährst du übrigens auch in unseren Couchsurfing Tipps

Reisen um zu reisen!
John & Marc

8 thoughts on “Couchsurfing für Anfänger: Russland trifft Ukraine”

  1. Timo says:

    Wir waren selbst beim Couchsurfing ( 3 Wochen bei einer Malaysia Familie) Super geklappt!

  2. Jessica says:

    Das bringt mich auf jeden Fall zum überlegen meine Couch mal öfter anzubieten 😉
    Hört sich nach spannenden erfahrungsreichen Tagen an!

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  9. Wolfgang says:

    Netter Einblick in Couchsurfing-Erfahrungen…

    Habe da selbst keine Expertise drin und auch eher Vorbehalte. Bin dafür aber umso mehr Airbnb-Fan! 😉

    1. 1 THING TO DO says:

      Beides hat seine Vorteile! 🙂 Als Couchsurfer anderswo übernachtet haben wir bisher nur im Harz, aber nach unserem Tripvon Krakau nach Thessaloníki ab nächster Woche sind wir da sehr wahrscheinlich um ein paar Erfahrungen reicher. 🙂

  10. ninahagn says:

    Spannend, eure Multikulti Tage 🙂

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