Amsterdam: Gedanken über Prostituierte in Schaufenstern

Eigentlich sollte dies mein Reisebericht aus Amsterdam werden. Während des Schreibens driftete ich aber von diesem Ziel ab und verhedderte mich in Gedanken über das Amsterdamer Rotlichtviertel. Welche Frauen sind das, die hier im Schaufenster um Freier buhlen? Ein Artikel aus der Reihe: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Geschrieben von John.

Das Amsterdamer Rotlichtviertel vom Molensteeg vorm Old Sailor Pub gesehen. Ganz schön brav, oder?

Probier’s mal mit Gemütlichkeit

Zu sehen gibt es ja grundsätzlich eine Menge in Amsterdam. Doch lässt man die Indoor-Aktivitäten einmal außen vor und konzentriert sich auf jene Sehenswürdigkeiten, die man mal eben so im Vorbeilaufen mitnimmt, ist die Stadt eigentlich an einem einzigen Tag ziemlich gut erkundet.

Und so bummelten wir während unserer Tage in Amsterdam überwiegend einfach nur durch die Stadt. Hier einen Kaffee trinken, da einen Kaffee trinken, kurz ins Käse-Museum und dann erst mal einen Kaffee trinken. Wir legten wirklich einige Kilometer zurück und doch war es insgesamt eine sehr gemütliche Städtereise.

Grachtengürtel_Amsterdam_1 THING TO DO

Grachten, Grachten, Grachten = laufen, laufen, laufen!

Amsterdams Rotlichtviertel

Dem Zufall verdankten wir, dass wir Mal ums Mal im berüchtigten Amsterdamer Rotlichtviertel landeten. Berühmt vor allem deshalb, weil es wohl kaum eine andere Metropole auf dieser Welt gibt, die so liberal mit Themen wie Prostitution und dem legalem Verkauf sogenannter „weicher Drogen“ umgeht, wie eben Amsterdam.

Das wird vor allem im Rotlichtviertel deutlich, in dem Frauen wie bewegliche Schaufensterpuppen hinter den Glasscheiben stehen, vorbeiziehende männliche Passanten anlächeln, ihnen Küsschen zu werfen und zu sich hinein winken. Das in Verbindung mit den unzähligen Coffee-Shops zieht vor allem Touristengruppen aus jungen Männern an.

Amsterdam Prostituierte

Credits: Alejandro Forero Cuervo, „15 Minutes“, Flickr

Von Fritten und Touristen

So ist der Spaziergang durchs Rotlichtviertel schon irgendwie ein Muss für typische Amsterdam-Reisende. Sie finden hier übrigens auch das China Town Amsterdams, das im Grunde nur aus einem Straßenabschnitt besteht, die schmalste Gasse der Stadt – den Trompettersteeg – sowie die wohl schmackhaftesten Fritten der Welt (laut meiner Mutter und Marc) in der Korte Niezel gegenüber von FEBO.

Wir fanden uns aber auch deshalb immer wieder im Rotlichtviertel wieder, weil es ganz einfach nahe am Hauptbahnhof gelegen ist, man deshalb immer wieder mal schnell dort landet und weil es den Pub Old Sailor gibt, welcher uns von Ambiente und Bier-Preis her ziemlich gut gefiel.

Für besonders lustige Zeitgenossen gibt es im Rotlichtviertel zum Beispiel diese süßen Häschen zu kaufen.

Für besonders lustige Zeitgenossen gibt es im Rotlichtviertel zum Beispiel diese süßen Häschen zu kaufen.

Das Dilemma der Prostitution

Die vielen Frauen in den Schaufenstern blieben auch uns nicht verborgen. Insgesamt fanden wir das Rumtanzen hinter Fensterscheiben ziemlich skurril, was uns das ein oder andere Schmunzeln ins Gesicht zauberte. Während der Vorbereitung auf diesen Artikel wurde mir aber klar, dass das alles andere als lustig ist.

Ziel der liberalen Politik Amsterdams hinsichlich der Prostitution ist es, vor allem dem Menschenhandel, der Zwangsprostitution und der Entstehung mafiöser Strukturen entgegenzuwirken. Nichtsdestotrotz ist es Fakt, dass der überwiegende Teil dieser Frauen Osteuropäerinnen sind, welche sicher nicht immer ganz freiwillig in der Prostitution landen.

Amsterdam Rotlichtviertel

Das Amsterdamer Rotlichtviertel ist besonders in den Abendstunden gut besucht. Credits: Cédric Puisney, „Moulin Rouge Amsterdam“, Flickr

Ein Job wie jeder andere?

Klar, als Prostituierte in Amsterdam ist es bestimmt sicherer als in anderen Großstädten. Keineswegs will ich mir anmaßen den gesamten Berufszweig zu verurteilen. Und doch ist mir wieder klar geworden, wie krass diese Thematik eigentlich ist.

Wahrscheinlich würde ein Großteil der Frauen angeben, durchaus freiwillig dort zu arbeiten. Doch wo ist die vermeintliche Freiwilligkeit, wenn es in ihrer Heimat in Rumänien, Bulgarien und anderen osteuropäischen, aber auch südamerikanischen und asiatischen Ländern keine Arbeit gibt, bei der der Lohn für ein angenehmes Leben reicht?

Amsterdam Prostituierte

In Schaufenstern im Rotlichtviertel buhlen Prostituierte um Kundschaft. Credits: Oleksandr Kravhcuk, „Red-light district“, Flickr

Kein gehobener Zeigefinger

Also suchen viele der Frauen eben ihr Glück in Mittel- und Westeuropa, landen auf dem Straßenstrich oder eben in den Amsterdamer Schaufenstern, verkaufen ihren Körper, um vielleicht auch Geld in die Heimat zu schicken, wo sie dann erzählen, dass sie hier studieren würden.

Unser Exkurs soll keineswegs mit dem Zeigefinger mahnend die Prostitution verteufeln und die vielen einschlägigen Touristengruppen diskreditieren, durch die dieser Wirtschaftszweig zusätzlich angekurbelt wird. Er präsentiert lediglich die Gedanken, die unser Amsterdam-Besuch in mir neben all den schönen Erlebnissen und Erinnerungen erzeugt hat. Und vielleicht dient er sogar als kleiner Denkanstoß.

Zu guter Letzt bekommst du in folgendem Video ein paar audiovisuelle Eindrücke aus dem Amsterdamer Rotlichtviertel:

Natürlich ist Amsterdam mehr als Sex, Kiffen und Fritten. Unser 1 THING TO DO abseits der Grachten findest du in unserem Amsterdam Reisebericht. Doch am Ende sind es eben auch eher unfreiwillige Gedankengänge wie oben, die das Reisen schlussendlich ausmachen.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

12 thoughts on “Amsterdam: Gedanken über Prostituierte in Schaufenstern”

  1. Flo says:

    Ja. Kann man schon so sehen.

    Nur: Du gehst in deiner Überlegung von einer These aus, die du selbst nicht belegen kannst – und das ist ein bisschen die Problematik deiner Argumentation.
    Fakt ist jedenfalls, dass offizielle, legale Strukturen eine viel höhere Kontrolle ermöglichen: Sei es wenn es um Hygiene geht, um Rechte, um Gehalt, um Urlaub.
    Mit der Legalisierung und der öffentlichen Handhabe und Kontrolle bekommen die Prostituierten noch viel mehr als nur „eine Arbeit“. Sie bekommen geregelte Arbeitszeiten, Urlaubstage, sind versichert, erhalten ein Gehalt nach Standards, medizinische Versorgung und wissen, dass eine gewisse Kontrolle herrscht, da eben keiner illegal den Menschenhandeln betreiben muss. Die Betrieber der Bordelle müssen Abgaben zahlen, Standards einhalten und sich kontorllieren lassen.

    Das ist nun mal das, was besonders in Amstedam zwar „traurig“ anmuten lässt – aber völlig legitim ist. Im Übrigen kann man natürlich die Frage stellen, ob diese Frauen das freiwillig tun. Aber: Zum Putzen bräuchte man auch keine Ausbildung, oder als Aushilfskraft. Doch vielleicht ist der Lohn mit Sex höher?

    Das Problem ist, dass wir, also du und ich, nicht annehmen können ob sie das freiwllig machen oder nicht und selbst wenn sie es nicht tun, wie viel Prozent das wirklich sind. Denn: Wer seinen Körper verkauft, hat das gute Recht dazu. Es ist ihr Körper und wenn sie das als Kapital sehen ist das vollkommen legitim – und in Amsterdam werden ihn zumindest augenscheinlich offizielle Strukturen geboten.

    Außerdem: Eine spannende Überlegung finde ich: Wer glaubt, Arbeiter am Bau sind keine Form der Prostituierung, also den Verkauf (der Kraft) des eigenen Körpers, sollte mal über den Tellerrand schauen.

    Denn wenn man die Prostitution in Amsterdam zweifelhaft findet, nachdem man in Amsterdam war (ich meine nun nicht speziell dich, sondern allgemein), hat die Augen aber shcon sehr lange vor der Welt verschlossen. Das älteste beruflche Gewerbe der Welt wird nämlich nicht nur hinter Schaufenstern in Amsterdam abgehalten – und woanders noch viel brutaler, erniedrigender, ausbeutender und schädlich als dort.

    Weiter gedacht: Eine Legalisierung der Berufsgruppe mit offiziellen Strukturen würde übrigens weltweit dem Menschenhandel mit Frauen entgegenwirken.

    1. 1 THING TO DO says:

      Hallo Flo,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Sicher ist es eine gewagte These, aber würde ich die Frauen interviewen und diese Interviews mit guter analytischer Methodik interpretieren, dann gehe ich schon davon aus, dass es auf sehr viele Prostituierte zutreffen würde.

      Nichtsdestotrotz stimme ich dir zu, dass diese legale und liberale Politik für sehr, sehr viel bessere Bedingungen sorgt und sie somit als Modell für andere Staaten oder Städte fungieren kann. Aber auch ein pseudo-freiwilliger Menschenhandel bleibt ein Menschenhandel.

      Ich finde es allerdings schwierig Reinigungskräfte oder Bauarbeiter mit Prostitution gleichzusetzen. Ja, du hast Recht, auch diese Berufsgruppen „verkaufen“ in irgendeiner Form ihren Körper bzw. ihre Körperkraft, aber es ist ja schon noch ein großer Unterschied, ob ich ein Haus erbaue oder meine Intimsphäre zu einem großen Stück aufgebe und der Welt zur „Verfügung“ stelle.

      Und nochmal: Ich möchte auf gar keinen Fall einen ganzen Berufszweig diskreditieren und den moralischen Zeigefinger erheben und ja, definitiv sollte jeder Mensch das Recht haben, soweit er geistig und seelisch in der gesunden Verfassung ist, ganz allein bestimmen zu können was sie oder er mit ihrem bzw. seinem Körper macht, aber die Frage bleibt tatsächlich wie „freiwillig“ das ganze passiert. Auch ein wirtschaftlicher Zwang bleibt Zwang, auch wenn’s ohne Gewalt, Verschleppung und mafiöse Strukturen passiert.

      Am Ende bin ich aber, wie bereits erwähnt, absolut bei dir und stehe für die Liberalisierung und Legalisierung von Prostitution. Ich bin aber genauso für die Erforschung und Beseitigung der Gründe warum viele Menschen sich eben auch prostituieren müssen ohne es tatsächlich zu wollen.

  2. WoMolix says:

    Ich denke, es gehört zum Reisen und zu einem Reiseblog dazu, auch auf die Rückseite der Medaille zu schauen. Und was vorne bunt und glitzernd erscheint, zeigt sich auf der Rückseite als hässliche Fratze. Wie die zwei Seiten der Medaille gehören die Schattenseiten auch dazu.
    Ein guter Reiseblog nimmt sich feinfühlig auch dieser Themen an und verschweigt sie nicht. Sonst tragen wir dazu bei eine Scheinwelt zu zementieren, hinter der sich unbemerkt mafiöse Strukturen, Korruption, Kriminalität und Schattengesellschaften unbemerkt ausbreiten können.

  3. Nicole says:

    Hallo, ein sehr gelungener Beitrag. Mein Freund und ich werden nächste Woche einen Städtetrip nach Amsterdam machen. Dank deinem Beitrag sieht man da doch einiges wieder aus anderen Augen. Lg Nicole

    1. 1 THING TO DO says:

      Dankeschön! Wir wünschen euch ein schöne Zeit in Amsterdam.

      Liebe Grüße
      John & Marc

  4. Tina says:

    Schön, dass Du die Prostitution auch als kritisch empfindest. Wenn ich solche Bilder sehe (Frauen in Schaufenstern) löst es in mir traurige und auch wütende Gefühle aus. Ich finde es furchtbar grausam, aber kann es gar nicht so leicht in Worte fassen. Schlimm finde ich auch die Männer, die davon ausgehen (wollen), dass die Frauen sich diesen Job ausgesucht haben und das gerne machen…

    1. 1 THING TO DO says:

      Dann sind wir ja anscheinend ganz einer Meinung, obwohl es sich natürlich wirklich um ein schwieriges Thema handelt. Liebe Grüße!

  5. Dori says:

    Hallo John,
    ich kann deine Gedanken absolut verstehen und ich denke, mir würde es genauso gehen. Da ich noch nie in Amsterdam war, kann ich es nicht mit Sicherheit behaupten. Wenn man tagtäglich im Urlaub mit diesem Thema konfrontiert wird, macht man sich viel mehr Gedanken darüber, als zuhause. Hier stehen keine Frauen in Schaufenster und tanzen rum. Und da trifft mal wieder voll und ganz zu: Aus den Augen aus dem Sinn. Wie wahr!
    Super, dass du dieses schwierige und heikle Thema aufgefasst hast und deine Gedanken mit uns teilst. Ich habe schon einige Bücher zu Menschenhandel gelesen und es ist leider viel mehr verbreitet als man denkt.
    Viele Grüße und schönes Wochenende
    Dori

    1. 1 THING TO DO says:

      Hallo Dori! Danke für deinen Kommentar zu diesem ganz und gar nicht schönen Thema. Ich stimme dir zu, wobei mir die Gedanken ja eben nicht direkt im Urlaub kamen, sondern erst im Nachhinein. Im ersten Moment war es eher skurril, aber mit etwas Abstand macht einen das Thema doch ziemlich nachdenklich. Liebe Grüße!

  6. Wolfgang says:

    Danke für die Gedanken, die ihr euch zu dem Thema gemacht habt. Das Lavieren zwischen Freiheit, Freiwilligkeit, Restriktion und Gewalt ist schwierig. Mit Sorge beobachte ich übrigens, wie auch durch die Niederlande ein Rechtsruck geht – und die Liberalität auf der Strecke bleibt – der ja letztlich auch der Umgang mit Prostitution geschuldet ist – mit all den Problemen, die ihr angesprochen habt.

    1. 1 THING TO DO says:

      Bei deinem Kommentar mussten wir an eine Begegnung mit einem ziemlich konservativ wirkenden Busfahrer in Amsterdam Sloterdijk denken, der einige entsprechende Andeutungen machte. Aber er kam dabei weniger plump rüber als man es von der aktuellen Diskussion in Deutschland kennt.. 😉

      1. Wolfgang says:

        Zwengs Konservativ: habt ihr die heutige Abstimmung über Europa in den Niederlanden verfolgt. Ich bin erschüttert!

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