Adlerweg Tirol: Wandern, wo die Adler kreisen

Wann hast du dich zum letzten Mal so richtig lebendig gefühlt? Bist an deine Grenzen gestoßen und hast sie doch überschritten? Zaghaft und mit zitternden Knien? Yvonnes Reisemoment berichtet davon, wie sie sich frei fühlte wie ein Adler und die Welt aus seiner Perspektive zu sehen bekam. Sie benutzte ihre Beine – und ist trotzdem abgehoben. Ein Höhenflug, wie er Yvonne beim Wandern auf dem Adlerweg, Tirol, widerfuhr. Ein Reisemoment von Yvonne. 

Adlerweg Tirol Wandern

Wenn der Adlerweg in Tirol beim Wandern seinen Namen allen Ehren macht.

Adlerweg Tirol: Sturmfrei auf 1.800 Metern

Ich durfte meinen Flug im Sommer 2016 genießen, als ich das Vergnügen hatte, in einem kleinen Tourismusbetrieb in Osttirol als Volunteer arbeiten zu dürfen. Knapp vier Wochen lang verbrachte ich am Fuße eines Ausläufers der Majestät, dem Großglockner, auf 1.800 Metern meinen Sommer. Ein wunderbares Arbeitsgefühl. Das Haus immer voller Gäste, doch plötzlich waren sie da: zwei Tage sturmfreie Bude! Keine Gäste und eine kurze Verschnaufpause in Sicht. Doch das Gegenteil ist eingetroffen. Während dieser Zeit blieb mir nach einem ganz besonderen Wandererlebnis in Tirol schlichtweg der Atem weg.

„Hey, wir brechen morgen zu einer Hüttenwanderung auf dem Adlerweg auf. Komm doch einfach mit! Pack einfach deine Sachen für eine Hüttennächtigung ein.“ Das war eine Ansage – und ohne zu zögern war ich dabei. Ohne zu wissen wohin, keine Ahnung von Adlerweg und Schwierigkeitsgrad. Ich wusste nur, es erwarten mich die mächtigen Dreitausender in Tirol. Stolze Giganten, die ich beim Wandern unter mir spüren wollte.

Adlerweg Tirol Wandern

Impressionen eines Alpensommers rund um die Sudetendeutsche Hütte in Osttirol.

Adlerweg Wandern: Sorgen haben Höhenangst

Als absoluter Anfänger war ich über meine spontane Reaktion selbst überrascht. Meine nicht ganz 100-prozentige Schwindelfreiheit, die Angst vor einem plötzlich auftauchendem Berggrat oder eventuelle Kletterpassagen auf dem Adlerweg habe ich ganz hinten angestellt. Mein Vertrauen in meine Begleiter war groß – und die Lust am Abenteuer beim Wandern in Tirol noch größer.

Hoch, höher und immer höher ging es auf schmalen Höhenwegen des Adlerwegs entlang. Jeder Schritt forderte vollste Konzentration von mir. Eingelullt vom satten Grün und dem Geruch von Freiheit, konnte es tatsächlich mein letzter sein. Doch es schien, als wenn die Sorgen unten im Tal geblieben wären und selbst Höhenangst hätten.

Adlerweg Tirol Wandern

Auf geht’s zum Wandern auf dem Adlerweg! Auf Fotos können Knie ja bekanntlich nicht zittern.

Adlerweg: Die Grenzen der anderen…

Vom satten Grün in graue Stille. Das Grün wechselte auf dem Adlerweg in graue Felsformationen ohne erkennbares Leben. Dicke Nebelschwaden zogen über unsere Köpfe hinweg. Es war kein Laut zu hören. Nichts schien lebendig zu sein. Nur der Wind pfiff über die Gipfel hinweg. Ich kam mir beim Wandern auf dem Adlerweg vor wie in einem Film. Einfach unreal und doch so wunderschön.

Und da war er, der Moment, wenn beim Wandern die Knie nachlassen und dein Herz bis zum Hals schlägt. Eine für mich riesige Wand baute sich auf dem Adlerweg vor uns auf. Ich habe gelernt, dass es sich um eine sogenannte Scharte handelte, einen Grateinschnitt im Berg. Wanderer, die es vorgezogen hatten wieder umzukehren, riefen uns zu: „Besser nicht weitergehen!“ Der schmale Steig sei zwar mit Seilen gesichert, aber es gäbe Schneefelder und kein Sichtfeld: „Es ist uns zu gefährlich. Wir kehren um.“

Adlerweg Tirol Wandern

Vom Grün ins Grau: Der Adlerweg in Tirol im Wandel.

… sind nicht meine Grenzen!

Ganz klar, meine Knie haben diese Aussage mit Angst und Gefahr verbunden. Nicht wissen, wie der Adlerweg weitergeht. Überall Nebel. Alle kehrten um. Auch ich wollte das unbedingt. In meinen Vorstellungen sah ich einen Abgrund von zig tausend Metern. Es klang gefährlich für mich, doch meine Begleiter redeten mir gut zu, es doch zu versuchen. Ausschlaggebend waren in diesem Moment die folgende Worte: „Yvonne, es sind deren Grenzen. Du musst sie nicht zu deinen machen!“

Das waren Zauberworte in meinen Ohren. Zwei Vertraute vor mir, einer hinter mir. Motivierende Zusprüche und sehr viel Geduld haben sie mit mir aufgebracht. Jeder meiner Schritte dauerte eine gefühlte Ewigkeit. „Nur nicht runter sehen! Das sind zig tausende Meter“, so meine Wahrnehmung zu diesem Zeitpunkt. Und nicht ganz falsch! Vorstellungen von Bergrettern und Hubschraubern bohrten sich in mein Gehirn. Aber umkehren kam für mich nicht in Frage.

Adlerweg Tirol Wandern

Da ist sie, die besagte Scharte am Adlerweg: Wunderschön, imposant und doch Respekt einflößend.

Adlerweg: Ein Moment der Dankbarkeit

Und jetzt wird es wirklich kitschig: Noch schweißgebadet mit dem schmalen Steig kämpfend – in der Hoffnung er möge doch endlich enden – erfasste mich ein Lichtblick. Was für ein atemberaubender Anblick! Plötzlich sah ich Sonnenstrahlen durch den Nebel brechen, Teile eines blauen Himmels und einen mächtigen schneebedeckten Dreitausender vor mir auftauchen: den großen Muntanitz! Ein Berg mit einer Höhe von 3.232 Metern, der in der Granatspitzgruppe der Hohen Tauern in Österreich liegt.

Von diesem Wandermoment gibt es aus Sicherheitsgründen keine Fotos. Die Eindrücke bleiben in meinem Kopf, Bilder hätten meine Gefühle und den Anblick in keinster Weise widerspiegeln können. Die Schärfe hätte ebenso darunter gelitten, da meine Hände und Knie immer noch zitterten. Aber diesmal aus Freude und Glück. Wenn ich jenen Augenblick magisch bezeichnen würde, es wäre untertrieben. Ich war überwältigt, hatte Gänsehaut und stieß ein lautes „Danke!“ aus. Ich verspürte tiefe Dankbarkeit für diese Belohnung und für meine Begleiter, die mich so ermutigt hatten. Nicht zuletzt auch an mich. Ich habe es gewagt und beim Wandern auf dem Adlerweg meine geglaubten Grenzen überschritten.

Adlerweg Tirol Wandern

Das war er, mein Reisemoment auf dem Adlerweg in Tirol, dank dem ich meine Grenzen neu definierte.

Allen Wanderern und Naturliebhabern dürfte der Mund nach diesen Reisemoment vom Adlerweg in Tirol nun ziemlich wässrig geworden sein. Noch mehr Erlebnisse aus ihrer Feder liest du auf ihrem Blog Sicht-Weise. A propos Abenteuer: Kennst du schon unsere Artikel vom Wandern in der Hohen Tatravom Chalaadi-Gletscher in Georgien oder übers Wandern in Montenegro? Darin bleiben wir den luftigen Höhen dieser Welt treu.

Reisen um zu reisen!
John & Marc

Wir freuen uns auf deine Gedanken zum Artikel!

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