Hohe Tatra: Panikattacke am Rysy

Die Hohe Tatra, das kleinste Hochgebirge der Welt, wie es oft so schön heißt, war als Zwischenstation auf unserem Trip von Anfang an fest in unseren Köpfen verankert. Nach einem ziemlich entspannten Wochenende in Krakau sollte nun etwas Action folgen. Unsere Erwartungen wurden rund um den Gipfel des Rysy definitiv nicht enttäuscht. Geschrieben von John.

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Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch

Das nächste Ziel unserer Reise war Zakopane, eine, gemessen an ihrer geringen Größe, ziemlich bekannte Stadt, die vor allem vielen Wintersportfans ein Begriff sein dürfte. Nach der dreistündigen Busfahrt von Krakau und einer gefühlten Komplett-Durchquerung des Städtchens kamen wir an deren südliches Ende. Ländliche Häuschen umgeben von Wiesen und Bergen prägten das Bild. Unsere Privatpension schien eines der letzten Häuschen des Ortes zu sein und grenzte somit direkt an eine kleine Viehweide, an welcher wiederum schon das Gebirgsmassiv anschloss.

Zakopane mit tollem Panorama im Hintergrund

Die Straße in der wir wohnten, erste Gipfel im Hintergrund.

Ein Versehen

Angekommen stellten wir schnell fest, dass die polnische Familie nicht mit uns rechnete, da uns bei der Buchung wohl ein Fehler unterlaufen war. Wir versuchten uns gegenseitig in einer polnisch-englisch-deutschen Hand-und Fußsprache die Situation zu erklären, ohne dass die beiden Frauen wirklich Englisch oder Deutsch und wir wiederum kaum Polnisch sprachen. Schließlich einigten wir uns alle darauf, dass das Ganze scheinbar ein Versehen war, konnten dann aber recht spontan bei der „Babuschka“ im Vorderhaus übernachten – und im Grunde waren wir einfach dankbar einen Schlafplatz sicher zu haben. Nach gutem Essen in einer Gaststube in der Nachbarschaft, ging es dann sehr zeitig ins Bett, denn am nächsten Tag wartete die Besteigung des Rysy, seinerseits höchster Berg Polens, auf uns.

Polnische Nationalküche in Zakopane, Pierogi

Polnische Nationalküche: Ein Teller Pierogi mit Schmand.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Um acht Uhr klingelte der Wecker und nach morgendlicher Hygiene sowie einer kurzen Betrachtung des tollen Bergpanoramas vom Balkon unseres Zimmers ging es auch schon los. Wir verabschiedeten uns von unserer Gastgeberin und begaben uns in Richtung Innenstadt, wo wir zuerst einen Supermarkt suchten, in dem wir uns mit genügend Trinken und etwas Proviant für unsere Wanderung eindeckten. Dann ging es ins Zentrum von Zakopane, in der Hoffnung einen Bus zum Palenica Białczańska zu finden, einem Parkplatz in den Bergen, welcher den Startpunkt unseres Abenteuers markieren sollte.

Menschen über Menschen

Zu unserer großen Überraschung fuhr vom Bahnhof aus alle paar Minuten ein Kleinbus zu eben diesem Parkplatz und so war die erste Hürde gemeistert. Bezahlt wurde die Busfahrt bei der Ankunft, die mit 10 Złoty pro Person, also etwa 2,40 Euro, durchaus erschwinglich war. Am Parkplatz angekommen, machte sich der Fünf-Minuten-Takt des Busverkehrs allerdings auch schnell bemerkbar. Offensichtlich schien der Ausflug zum Morskie Oko (auf Deutsch: Meerauge) ein sehr beliebtes Ziel zu sein. Und so kamen bei uns schnell Bedenken auf, ob die Besteigung des Rysy eine ähnlich massentouristische Angelegenheit werden sollte.

Hohe Tatra Gipfel Panorama

Die ersten Gipfel der Hohen Tatra zeigen sich.

Etappenziel 1: Morskie Oko

Am Parkplatz war der „Eingang“ zum Nationalpark, welcher, zu unserer großen Überraschung, etwas Eintritt kostete, was sich mit wenigen Złoty aber nicht ernsthaft im Reisebudget bemerkbar machte. Wir folgten dem Pilgerstrom in Richtung Morskie Oko, einem Bergsee am Fuße des Rysy. Der Weg bis dorthin war ziemlich unspektakulär, doch angekommen, erwartete uns ein wunderschönes Panorama aus dem türkisblau gefärbten Bergsee, den Gipfeln der Hohen Tatra und der einzigartigen alpinen Flora. Am See gab es auch eine Hütte, in welcher wir erst mal eine Cola tranken, bevor der anstrengendere Part beginnen sollte und wir die ganz große Menschenmasse hinter uns ließen.

Morskie Oko Bergsee, Hohe Tatra

Unser erstes Ziel: Der Bergsee Morskie Oko.

Morskie Oko von oben, Panorama, Hohe Tatra, Rysy

Der Morskie Oko von oben in einem tollen Panorama.

Etappenziel 2: Czarny Staw pod Rysami

Einmal um den halben See gelaufen folgte nun der kurze, aber intensive Anstieg zum Czarny Staw pod Rysamy (auf Deutsch etwa: Schwarzer Teich am Rysy), einem weiteren Bergsee. Auch diesen Marsch muteten sich noch relativ viele Leute zu. Dennoch begleiteten uns nun deutlich weniger Wanderfreunde als am Anfang, was angesichts des zunehmenden Schwierigkeitsgrades nicht wirklich verwunderte. Angekommen entschieden wir uns für eine kleine Stärkung. Die Aussicht war echt grandios und während des Verweilens am Schwarzen Teich beobachteten wir die einzelnen Gipfel und suchten nach dem Weg zur Spitze des Rysy.

Zum letzten Mal forderte uns das Massiv also von unten auf es zu bezwingen. Dann begann auch schon die für uns beide bisher anstrengendste Wanderung unseres Lebens.

Czarny Staw pod Rysami, Bergsee Hohe Tatra, Rysy

Ein Infinity-Pool? Blick auf den Czarny Staw pod Rysami, der zweite Bergsee auf der Wanderung.

Czarny Staw pod Rysami, Hohe Tatra Rysy

Noch 3 Stunden und 20 Minuten bis zum Gipfel des Rysy.

Etappenziel 3: Auf ins Nichts

Der Weg war tatsächlich steinig, sehr steinig, und schwer, sehr schwer. Im Grunde liefen wir fast die komplette Zeit über ein Geröllfeld, wobei „liefen“ doch sehr euphemistisch ausgedrückt ist. Der Anstieg verlief sehr steil und so mussten wir doch ziemlich häufig eine Pause zum Durchatmen einlegen. Auf etwa 2.000 Metern Höhe erreichten wir schließlich ein kleines Plateau. Und als ob der etwa fünfstündige Marsch bisher nicht schon genug anstrengende Stellen aufwies, kamen wir nun zum härtesten Part der Route: Immer wieder waren die vorhandenen Ketten nötig, um sich über die steiler und steiler werdenden Felsen zu ziehen. Teilweise mit Abgrund im Nacken, näherten wir uns allmählich der Wolkendecke.

Ketten zur Besteigung des Rysy, Hohe Tatra

Notwendige Sicherungsketten zur Besteigung des Rysy.

Hohe Tatra, Rysy, Wanderung

Stück für stück nähern wir uns der Wolkendecke rund um den Rysy.

Nass bis auf die Knochen

Es wurde spürbar kälter und einsamer. Trotz erheblicher Transpiration hielten wir es ab jetzt für klüger die Jacken an zu lassen und so befeuchteten uns von innen unsere Körper und von außen der Wolkendunst. Einer der letzten uns entgegenkommenden Bergsteiger, ein Pole etwa in unserem Alter, gab dann auf Nachfrage wie weit es denn noch sei, die erlösende Antwort: „One hundred metres“. Gemeint waren natürlich die Höhenmeter und aufgrund der extremen Steigung war klar: Der Gipfel naht. Mit letzter Motivation und letzten Kräften kletterten wir dem Ziel entgegen.

Hohe Tatra Rysy, Abgrund Wanderung

Der Abgrund ins Nichts: Ganz schön gruselig.

Auf dem Gipfel des Rysy

Nach kurzer Zeit erreichten wir schließlich den ersten Gipfel des Rysy. Mittlerweile war es 18 Uhr und die Wolke, in der wir fest hingen, verbot jegliche Sicht, die über Zehn Meter hinausging. Die Atmosphäre war irgendwie gespenstig. Vorher lasen wir im Internet, dass der Gipfel immer gut besucht sei, nun waren wir ganz allein auf 2.473 Metern Höhe, umgeben von einem grauen Schleier und einer selten erlebten, unfassbaren Stille. Kurze Zeit später kamen noch ein (Rysy-erfahrener) Vater und seine sehr, sehr junge Tochter hinzu. Das Mädchen war vielleicht zwischen sechs und acht Jahren alt und verdient den größten Respekt, diese Tour mitgemacht zu haben.

Gipfel des Rysy, Hohe Tatra Wandern

Der Gipfel des Rysy: Eine unwirkliche Umgebung.

Rysy: Eine wahre Grenzerfahrung

Beim Wechsel vom kleineren Südostgipfel auf den höchsten Gipfel des Rysy, mussten wir einen super schmalen Pass überqueren, an denen es auf der rechten Seite direkt in den Abgrund ging, während auf der linken Seite ein Felsen mit Ketten zum Festhalten die einzige Option zur Überquerung dieses Passes bot. Der Vater und das Mädchen waren nun vor uns. Dann fing das Mädchen an zu weinen, was ich in genau diesem Moment mehr als verstehen konnte. Nach wenigen Minuten erreichten wir dann jedoch den mit 2.503 Höhenmetern höchsten Gipfel des Rysy und überquerten somit gleichzeitig die polnisch-slowakische Grenze.

Hohe Tatra Rysy, Grenze Slowakei Polen

Ein ziemlich ungewöhnlicher Grenzübergang: Hier am Rysy verließen wir Polen.

Und plötzlich kein Weg

Der Vater verschwand mit seiner Tochter nach wenigen Augenblicken wieder, was angesichts des unfassbar ekligen Wetters in Kombination mit dieser menschenfeindlichen Umgebung und der voran geschrittenen Uhrzeit allzu verständlich war. Beide gingen jedoch den Weg zurück, den wir alle gemeinsam gekommen waren und stiegen somit wieder die polnische Seite herab.

Wir hingegen wollten in die Slowakei. Unser Ziel war die Hütte Chata pod Rysmi, welche sich relativ nah am Gipfel befinden sollte. Das Problem: Aufgrund des Nebels sahen wir auf der anderen Seite der Spitze keinen Weg und keine Wegmarkierungen mehr, was in mir wiederum eine Panikattacke kleineren Ausmaßes auslöste.

Hohe Tatra, Rysy, Slowakei

Geröll und Nebel am Rysy: Doch wo ist der Weg?

Kurz vor dem Zusammenbruch

Es war kalt, nass, spät und wir waren auf einem 2.503 Meter hohen Berg, umgeben vom Abgrund. Kurz vor dem nervlichen Zusammenbruch schaffte es Marc schließlich mich noch einmal zu beruhigen und letztlich fanden wir beide doch noch irgendwie den Weg Richtung Hütte. Nach etwa 40-minütigem Abstieg tauchte dann aus dem grauen Schleier die besagte Schutzhütte auf.

Wir beide waren einfach nur noch froh an unserem Ziel angekommen zu sein. Nach der letzten, gespenstig anmutenden Stunde, betraten wir also mit völlig durchnässten Haaren und kalten, tauben Händen diese wundervolle warme Stube, in der es so herrlich nach Kamin und Glühwein roch. Nichts Besseres hätte uns in jenem Moment passieren können.

Hütte, Chata pod Rysmi, Hohe Tatra Rysy

Auf 2.250 Höhenmetern erreichen wir endlich die Hütte.

Halušky und Glühwein

Als erstes reservierten wir uns unsere Betten und bekamen glücklicherweise die letzten zwei im Raum. Dann gab es für uns zum Abendessen Halušky, eine slowakische Form von Spätzle, sowie Glühwein. Bei gemütlichem Kerzenlicht, dort oben gibt es ja keinen Strom, notierten wir in einem kleinen Büchlein unsere Erlebnisse.

Dann wollten wir eigentlich nur noch ins Bett, doch vorher noch mal auf den Topf. Da es auch kein fließendes Wasser auf 2.250 Metern Höhe gibt, bedeutete das: Raus auf das etwa hundert Meter entfernte Holz-Toilettenhäuschen! Nebel und Dunkelheit sorgten allerdings dafür, dass wir das Häuschen nirgends sehen konnten und somit zu Wildpinklern mutierten, was angesichts der Tatsache, dass auch im Toilettenhäuschen alles einfach nur durch ein Loch nach unten plumpste (ja, am nächsten Morgen fanden wir es schließlich), nicht das größte Verbrechen darstellen sollte.

Halušky, Chata pod Rysmi, Hohe Tatra Rysy

Halušky, die perfekte Stärkung nach diesen Anstrengungen.

Auf nach Štrbské Pleso

Schließlich ging es gegen halb neun ins Bett. Doch statt des zu erwarteten babygleichen Schlafes, war die Nacht aufgrund geschlossener Fenster und stickiger, warmer Luft in einem Raum mit 18 Menschen gar nicht mal so angenehm. Da half dann selbst der Glühwein und eine Hand voll Baldrianpillen wenig. Doch auch das sollten wir überleben und so erwachten wir am nächsten Morgen gegen halb sieben und verließen nach einem kleinen Frühstück die Hütte, um uns bergabwärts auf den Weg Richtung Štrbské Pleso zu machen. Auch der Abstieg hatte landschaftlich noch einmal einiges zu bieten, war in der Intensität des Weges jedoch sehr viel einfacher, als der Aufstieg.

Chata pod Rysmi, Hohe Tatra Rysy

Die Chata pod Rysmi am nächsten Morgen.

Hohe Tatra Rysy, Slowakei

Nach einem steinernen Meer endlich wieder Grünes.

Ahoj!

Gerade anfangs hatten wir noch den Eindruck, wir wären irgendwo auf Grönland unterwegs, doch mit abnehmender Höhenmeterzahl, wurde auch die Vegetation wieder üppiger. Weiter unten kamen uns dann gelegentlich einige Lastenträger entgegen, die unglaublich voll bepackt, alles Mögliche zur Hütte bringen, damit Leute wie wir dort überhaupt zu Abend essen und Unterschlupf finden können. Auch unser erstes slowakisches Wort lernten wir auf diesem Weg, da uns fast jeder entgegenkommende Wanderer und jede Wanderin mit „Ahoj!“ (zu Deutsch: „Hallo!“) begrüßte. Nach circa vier Stunden kamen wir schließlich in Štrbské Pleso an, von wo aus uns unsere Reise mit dem Zug weiter über Poprad und Košice nach Budapest führen sollte.

Hohe Tatra Rysy, Slowakei

Grandiose Aussicht: Eine tolle Entschädigung für zwei Tage alpines Extremwandern.

In Kürze: Unser 1 THING TO DO in der Hohen Tatra

Was? Eine Durchquerung der Hohen Tatra inklusive Besteigung des Rysy.
Wo? Von Zakopane über Morskie Oko, Rysy, Chata pod Rysmi und Štrbské Pleso nach Poprad.
Wie viel? Proviant, Busfahrt zum Palenica Białczańska, Eintritt in den Nationalpark, Essen und Unterkunft in der Chata pod Rysmi und die Zugfahrt von Štrbské Pleso nach Poprad, was insgesamt ca. 40-50 Euro pro Person kostet.
Warum? Eine Kombination aus unglaublich schöner Natur und das Erfahren eigener Grenzen machen diese Wanderung unvergesslich.

Lust auf weitere Wander-Erlebnisse von 1 THING TO DO? In unseren Wanderberichten findest du noch mehr spannende Touren in wilder Natur. Viel Spaß beim Lesen!

22 thoughts on “Hohe Tatra: Panikattacke am Rysy”

  1. prettynormalgirl says:

    Klingt echt wahnsinnig toll, aber ich kann mir auch vorstellen das so dichter Nebel so weit oben echt angsteinflößend ist! Trotzdem so ne Wanderung muss ich auch umbedingt mal machen :)
    Liebe Grüße
    Zoe von lifeofaprettynormalgirl.wordpress.com

    1. 1 THING TO DO says:

      Am Ende ist es gar nicht so schlimm, man muss nur Ruhe bewahren und den inneren Schweinehund austricksen. 😉 Liebe Grüße!

  2. Paleica says:

    also der erste teil des anstiegs gefällt mir richtig gut, wunderschön mit dem bergpanorama, alles ein traum! der weg nach oben hätte mir vermutlich einfach zuviel abverlangt ^.^ schön, dass ihr es heil geschafft habt!

    1. 1 THING TO DO says:

      Teil Zwei war dann bei allem Abenteuer auch ein bisschen „Augen zu und durch!“ – wir hatten ja auch dazu praktischerweise unsere Rucksäcke die ganze Zeit auf. 😉

  3. zeilentiger says:

    So dichter Nebel ist fies, und die stickige Hüttenluft mag ich auch nicht. Davon abgesehen: Stark! Da will ich auch hin!

    1. 1 THING TO DO says:

      Trotz ziemlicher Strapazen auch auf jeden Fall einen Ausflug wert! Die Landschaft ist einfach unbeschreiblich und macht alles wett. 😉

      1. zeilentiger says:

        Das glaube ich. Die Fotos sehen super aus. Gut, dass ihr euer Abenteuer heil überstanden habt. 😉

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