Dortmund: Kulturschock einer Pott-Jungfrau

Obwohl ich nicht in Berlin geboren bin, betrachtete ich den Pott bislang mit typischer Berliner Arroganz: Hässlich und dreckig muss er sein. Tatsächlich verursachte mein Trip nach Dortmund einen Kulturschock kleineren Ausmaßes. Doch dieser hatte mit dem Stereotyp nicht viel gemein. Geschrieben von Marc.

Dortmunder U

Hamburg, Paris – Dortmund

Es sollte mein erster Ausflug ins Ruhrgebiet werden. „Schuld“ daran ist eine Freundin, mit der ich in Berlin drei Jahre lang an der Humboldt-Universität studierte. Wir hielten Kontakt, obwohl sie nach Studienabschluss nach Hamburg und anschließend weiter nach Paris zog. Nun zog es sie schließlich beruflich nach Dortmund.

Statt Cabriofahrten durch die Straßen Berlins, Spaziergängen an Elbstrand oder Binnenalster und Picknicks vor dem Eiffelturm oder im Parc Luxembourg wartete nun also Dortmund auf mich, als ich mich aufmachte, sie zum ersten Mal im Pott zu besuchen. Große Erwartungen an die Stadt hatte ich zugegebenermaßen nicht.

Dortmund Skyline

Dortmunder Skyline: Was hat die Stadt wohl zu bieten? Credits: Michael Sonnabend, „Dortmund“, Flickr

Freundschaft im Fokus

Dortmund war mir auf dieser Reise zunächst einmal ziemlich egal. Im Zentrum stand schließlich das Freundschaftliche, und wahrscheinlich könnten wir auch am hässlichsten Ort der Welt Spaß miteinander haben. Ein Artikel für 1 THING TO DO war entsprechend überhaupt nicht geplant. Und doch hatte ich im Nachhinein das Gefühl, etwas berichten zu können.

Nachdem wir uns zusammen mit einer weiteren Freundin, mit der ich die Neu-Dortmunderin besuchte, ein ausführliches Update über unsere drei Leben gaben, wollten wir natürlich doch ein wenig von der Stadt kennen lernen, in der wir uns befanden. Und so lautete unser Ziel, innerhalb der vor uns liegenden 48 Stunden ein paar schöne Ecken ausfindig zu machen.

Dortmund Ufer Phönix-See

Phoenix-See Dortmund: Ein groß angelegtes Wohn- und Stadtprojekt rund um einen künstlich angelegten See, der früher Stahlwerksareal war.

Dortmund Phoenix-See

Am Dortmunder Phoenix-See scheint am Wochenende die halbe Stadt eine Runde am Ufer entlang zu drehen. Der Rest ist im Stadion. 😉

Sightseeing in Dortmund?

Unser Vorhaben sollte gar nicht mal so einfach werden: „Nun ja… Dortmund ist nun nicht gerade eine Sightseeing-Stadt“, antwortete uns ein Alteingesessener auf die Frage, ob er uns irgendwas empfehlen könnte. Doch eigentlich umso besser: So konnten wir uns immerhin selbst ein Bild von der mit über 580.000 Einwohnern größten Stadt der Ruhrgebiets machen.

Naturgemäß zog es uns zunächst auf in Richtung Zentrum, wo Westenhellweg und Ostenhellweg eine der am meisten frequentierten Einkaufsstraßen Deutschlands bilden. Die gewohnte Aneinanderreihung von ZARA, H&M Co. freilich macht mich inzwischen schon in anderen Städten leicht aggressiv, weil sie jeder Stadt ihre Individualität rauben. In Dortmund paarte sich die Gleichmacherei zudem noch mit wenig attraktiver 60er- und 70er-Jahre-Architektur.

Dortmund Westenhellweg

Der Westenhellweg ist am Ende eine Einkaufsstraße wie jede andere auch. Credits: photobeppus, „Dortmund“, Flickr

Schöne Hässlichkeit

Architektonisch gesehen trafen meine Vorurteile gegenüber Dortmund aber leider zu. Selbst am Phoenix-See, angeblich das neue Wahrzeichen der Stadt, reihen sich monotone weiße Luxushäuschen und versprühen gähnende Langeweile. Zumindest auf den ersten Blick, denn ich schließe nicht einmal aus, dass ich dieser Hässlichkeit in Zukunft etwas Schönes abgewinnen könnte.

Ein Beispiel hierfür ist das Dortmunder Centrum für Medizin und Gesundheit (DoC) mitten in der Innenstadt, das so hässlich ist, dass ich mich schon wieder daran erfreuen kann. Nicht zuletzt gibt es direkt davor eine überdimensionale Wippe, an der wir naturgemäß nicht vorbeigehen konnten, ohne für ein paar Minuten noch einmal Kind sein zu dürfen.

Dortmund DOC

Das Dortmunder DoC: Wenn Hässlichkeit ihren Reiz hat.

Gaumenschmauß im Café Lotte

Auch wenn ich mir angesichts der Tatsache, sicherlich eines Tages zurückzukehren, beim besten Willen nicht vorstellen kann, schon jetzt ein 1 THING TO DO für Dortmund auszusprechen, so gab es am Ende doch einen Ort, der mir besonders in Erinnerung blieb: Das Café Lotte.

Gelegen im ganz hübschen Dortmunder Kaiserviertel hast du hier die Qual der Wahl zwischen etlichen mit viel Liebe gebackenen Kuchen (Tipp: Der Aprikosen-Streuselkuchen) und noch mehr Café- und Kakaosorten. Beinahe hinterwäldlerisch kam ich mir vor, als ich feststelle, dass dies wohl mein erstes Café war, in dem es mehr als eine Hand voll Chai-Latte-Sorten gibt, von der auch direkt eine probiert wurde.

Dortmund Café Lotte

Kaffee und Chai Latte im Café Lotte. Der Kuchen sollte bald darauf serviert werden. Mjam, mjam, mjam!

Dortmund Kaiserviertel

Das Café Lotte liegt direkt am „Eingang“ des Kaiserviertels, das noch einige weitere Lokalitäten zu bieten hat.

Kulturschock: Ein Berliner im Pott

Was mir von Dortmund vor allem im Kopf bleibt, ist allerdings sphärischer Natur. Es mag an den Leuten liegen, die wir unterwegs trafen, an den Sonntagsausflügern am Phönix-See, an den Menschen wie du und ich, die man auf den Straßen sieht. Es mag etwas Unsichtbares sein, und vielleicht ist es auch einfach nur die Oberfläche.

Aus irgendeinem Grund aber vernahm ich riesige Mentalitätsunterschiede zwischen Dortmund und Berlin – oder besser dem Berlin, wie ich es kenne. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute in Dortmund richtig vernünftige Arbeitsmenschen sind, die schaffen gehen, um sich um die wesentlichen Dinge des Lebens zu finanzieren – das eigene Häuschen, eine gute Zukunft für die fest eingeplanten Kinder. Menschen, die in der Woche arbeiten, sich am Wochenende entspannen und eine Runde um den Phönix-See drehen.

Ein Berliner macht sich so seine Gedanken über den ersten Eindruck, den Dortmund ihm hinterlässt.

Ein Berliner macht sich so seine Gedanken über den ersten Eindruck, den Dortmund ihm hinterlässt.

Das Berghain liegt nicht in Dortmund

In Berlin dagegen kenne ich kaum jemanden, der vor 30 ernsthaft an Kinder denkt. Der genügend Geld verdient, um schon an die Zeit in zehn Jahren denken zu können. Der am Wochenende um den Phönix-See laufen würde. Auch das natürlich mag an dem Umfeld liegen, in dem ich mich in Berlin bewege.

Doch nachdem ich am späten Sonntagabend mit dem Zug wieder in Berlin ankam, stieg ich an meiner Ubahnstation in Friedrichshain aus und fühlte mich alsbald in meinen Gedankenspielen bestätigt: Mit mir stieg ein komplett in Schwarz gekleideter Typ aus. Am Ausgang fragte er mich, wie er denn zum Berghain komme, einem der legendären Berliner Technoclubs.

Situationen wie diese sind für mich typisch Berlin – gerade an einem Sonntagabend, an dem für den Durchschnittsbürger am nächsten Morgen die Arbeit ruft. Aber für Dortmund kann ich sie mir irgendwie so gar nicht vorstellen.

Die Moral aus der Geschicht‘? Noch gibt es von uns kein 1 THING TO DO für Dortmund. Dafür haben wir aber ein waschechtes Ruhrpott-Kind gefragt, wo sie den Ruhrpott am schönsten findet. Das 1 THING TO DO im Pott von Yummy Travel-Bloggerin Jessica findest du in ihrem Gastbeitrag.

4 thoughts on “Dortmund: Kulturschock einer Pott-Jungfrau”

  1. Julia says:

    Ich kann es irgendwie nachempfinden – ohne jeglichen Bezug zum Ruhrgebiet und seiner schroff-liebenswürdigen Art ist das Kaiserviertel in Dortmund einer der wenigen Spots, der einem positiv in Erinnerung bleiben wird. Weil wenn ich die Heimat-Brille mal abnehme, ist die Stadt nicht schön bis gewöhnungsbedürftig.

    Ich mag Dortmund trotzdem, mit den vielen Grünflächen, der Borussia und den direkten Menschen. Liegt aber auch daran, dass ich noch wirklich viele Freunde in Dortmund bzw im Ruhrgebiet habe. Und obwohl ich tatsächlich momentan eher Berlin Dortmund vorziehen würde, denke ich doch, dass ich später irgendwann wieder im Ruhrgebiet lande.

    Sehr schöner Blog übrigens, das Rooftop-Dilemma konnte ich nämlich eins zu eins nachfühlen! 😉

    1. 1 THING TO DO says:

      Ich glaube, dieses Heimatgefühl ist in Dortmund vielleicht in der Tat auch viel ausgeprägter als in Berlin. Von daher kann ich das nachvollziehen – Berlin ist ja für viele eher Zwischenstation als Endpunkt oder neue Heimat. 😉

  2. Wolfgang says:

    Das Ruhrgebiet hat sich in den letzten Jahrzehnten völlig verändert – zum Vorteil kann man nur sagen. Allerdings gibt es auch Städte, wie z.B. Duisburg, die abgehängt sind. Was ich so faszinierend finde ist, dass man alle Städte mit der Tram bereisen kann. Wäre das nicht was für eure To-do-Liste?

  3. Sigrid says:

    Wie wahr, wie wahr! Als „Schwäbin in Dortmund“ kann ich deine Worte so gut nachempfinden. Und was du über den Phönixsee schreibst, kann ich nur unterschreiben. S. hier: https://aktiv60plus.wordpress.com/2016/02/26/phoenixsee/

    Mein Wegzug 2017 ist fest eingeplant, denn ich werde mich hier nie wirklich heimisch fühlen. Mein Partner ist zwar Dortmunder, aber er hat sich inzwischen auch in die Gegend rund um Stuttgart/Heilbronn verguckt und möchte ebenfalls weg.

Kommentar verfassen