Der meistgereiste Deutsche: Mein 1 THING TO DO für die Welt

Wolfgang Stoephasius gilt als meistgereister Deutscher. In knapp 75 Lebensjahren bereiste er alle 193 UN-Staaten und berichtet davon nicht nur auf seinem Blog, sondern bald auch in seinem eigenen Buch. Welchen Rat hat er für die Reisenden von heute? Und natürlich: Welcher Reisemoment blieb einem so weit gereisten Globetrotter besonders in Erinnerung – was ist sein 1 THING TO DO für die Welt? Ein Interview von John & Marc.

Meistgereiste Deutsche Wolfgang Stoephasius

Du giltst als der meistgereiste Deutsche. Wohin führte dich deine allererste Reise außerhalb Deutschlands?

Ich wurde 1941 während des 2. Weltkrieges in Schlesien geboren. Meine Geburtsstadt Landeshut wurde gemäß Potsdamer Abkommen nach Kriegsende Polen zugeschlagen. Mein Vater war in englischer Kriegsgefangenschaft. 1946 machte ich mich auf den Weg und wollte zu ihm reisen.

Allerdings hatte ich keine Ahnung, wo das ferne Land lag! So endete diese erste Reise erfolglos am Bahnhof. 1947 war ich ein sogenannter Heimatvertriebener und kam mit meiner Familie ins niederbayerische Passau. Folglich war meine erste Reise ins Ausland nach Österreich. Das beginnt nämlich am Stadtrand von Passau.

„Wenn es ums Reisen geht, kenne ich keine Grenzen.“

Aber Spaß beiseite: Meine erste wirkliche Auslandsreise führte mich 1967 über Prag, wohin ich mit dem Auto fuhr, mit dem Flugzeug nach Moskau. Das war gar nicht so einfach, denn ich war Ausbilder bei der Bereitschaftspolizei und wir waren mitten im Kalten Krieg. Es war so gut wie ausgeschlossen, die erforderliche Genehmigung meiner Behörde zu bekommen.

Aber wenn es ums Reisen geht, kenne ich keine Grenzen. Wild entschlossen sprach ich bei dem zuständigen Sachbearbeiter vor – und schwafelte ihn so lange voll, bis er mir die ersehnte Genehmigung erteilte. Er hatte offensichtlich Angst, dass ich ohne diese niemals sein Büro verlassen würde.

Wie viele Länder hast du bis heute bereist?

Ich habe alle 193 UN-Staaten sowie 81 weitere Länder bereist, die einen mehr oder weniger eigenen Status besitzen. Das sind zum Beispiel Tibet, Palästina oder Taiwan. Nach den Kriterien von Most Travelled People war ich in insgesamt 687 Regionen.

Gibt es eine Destination, die du unbedingt noch bereisen willst?

Ich werde im August 75 Jahre alt. Was ich sehen wollte, habe ich gesehen. Mein Traumziel wäre noch Tokelau. Dort werde und will ich aber nicht hinreisen. Weil das wahre Paradies in den Träumen verborgen ist.

Atafu Tokelau

Das Atafu-Atoll im Pazifischen Ozean gehört zu den von Neuseeland abhängigen Union-Inseln, Tokelau genannt. Credits: Department of Foreign Affairs and Trade, „An aerial view of Atafu atoll in Tokelau“, Flickr

Gibt es einen Ratschlag, den du als meistgereister Deutscher den Globetrottern unserer Zeit mit auf den Weg geben möchtest?

Auch wenn es sich für einen Ländersammler komisch anhört: Reise nicht um des Abhakens willen. Nicht Museen und sogenannte Sehenswürdigkeiten sind das Wichtigste auf Reisen. Das Wichtigste sind die Menschen, also nehme so viel wie möglich Kontakt zu ihnen auf. Am besten geht das, wenn du mit öffentlichen Verkehrsmitteln reist und in einfachen Unterkünften absteigst. Den richtigen Menschen begegnest du am unvoreingenommensten in den Kneipen, oder um mit Erich Kästner zu sprechen „in den Tavernen“.

„Reise nicht um des Abhakens willen. Nicht Museen und sogenannte Sehenswürdigkeiten sind das Wichtigste auf Reisen. Das Wichtigste sind die Menschen!“

Versuche Vorurteile im Positiven wie im Negativen zu vermeiden. Vergleiche nicht, sondern mach‘ dir dein eigenes Bild. Für mich gilt der Grundsatz „Der Weg ist das Ziel“. Das muss am Ende aber jeder für sich selber entscheiden.

Wir wissen, dass die Antwort auf diese Frage wahrscheinlich sehr schwer fällt, aber: In welchen Teil der Erde hast du dich bislang am meisten verliebt?

Ich kann die Frage beim besten Willen nicht beantworten, weil es überall spannend ist. Aber ich verrate euch was: Ich bin sehr kritisch, was die US-amerikanische Politik angeht und mag eigentlich den Bible Belt überhaupt nicht [Anmerkung: Als Bible Belt wird eine Gegend in den USA bezeichnet, in der evangelikaler Protestantismus ein bedeutender Bestandteil der Kultur ist]. Und jetzt kommt das Widersprüchliche: Eine meiner schönsten Reisen führte mich genau dort hin, während einer geruhsamen vierwöchigen Fahrt auf der Route 66 von Chicago nach Santa Monica zusammen mit meiner Frau Renate.

Der schönste Ort auf der Welt allerdings ist der Viktualienmarkt in München. Da bin ich daheim – und dort treffe ich dennoch die Welt.

Wolfgang Stoephasius

Wolfgang Stoephasius unterwegs auf der Route 66, einer seiner – wie er uns verrät – schönsten Reisen.

Last but not least: Was ist dein 1 THING TO DO für die Welt?

Einmal für einige Tage mit Tuaregs auf dem Dromedar in die Wüste hinaus reiten und nachts den Sternenhimmel betrachten. Dann weißt du, dass du nichts und dennoch wahnsinnig wichtig bist.

Wer mehr über die Reisen und Abenteuer von Wolfgang Stoephasius erfahren möchte, für den gibt es gute Nachrichten: Am 17. Juni 2016 erscheint im Ullstein-Verlag sein Buch In siebzig Jahren um die Welt.

Der meistgereiste Deutsche hat übrigens auch an unserer Blogparade zum Thema Slow Travel – Wider den To-Do-Listen teilgenommen: Auf seinem Ländersammler-Blog berichtet er von einem ganz besonderen Erlebnis in Rom, das ihn auf seinen Reisen einen Gang zurückschalten ließ.

19 thoughts on “Der meistgereiste Deutsche: Mein 1 THING TO DO für die Welt”

  1. Wolfgang says:

    Hier mein Angebot: Wer mag kann mich gerne kontaktieren, wenn er einen Rat braucht!

    1. 1 THING TO DO says:

      Danke noch mal von uns beiden für das Interview! 🙂

      1. Wolfgang says:

        Nichts zu danken. Es hat mir richtig Spaß gemacht. Euch danke ich ganz herzlich für die Arbeit und den Link zu meinem Buch!

    2. Igor (7 Kontinente) says:

      Ich hätte noch gerne gelesen, wie du dich durch all die Erfahrungen auf Reisen verändert hast. Welche neue Gedanken du dazu gewonnen hast und wie du menschlich gewachsen bist.

      Viele Grüsse, Igor

      1. Wolfgang says:

        Bei meinen vielen Reisen ist es mir immer in erster Linie um den Kontakt zu den Menschen gegangen. Das war gut so, denn ich habe dabei sehr viel gelernt. Das wichtigste war die Erkenntnis, dass grundsätzlich alle Menschen gleich sind. Kulturelle, religiöse, länderspezifische Einflüsse haben selbstverständlich Einfluss und führen dazu, dass positive oder negative Eigenschaften gefördert werden oder auch nicht. Das ändert aber nichts daran, dass die menschliche Grundstruktur immer die gleiche bleiben wird. Es gibt kein besseres Beispiel als unser Deutschland: Von einem Volk, welches blind den Naziverbrechern nachgelaufen ist und zum Tätervolk wurde und heute trotz Pegida und AfD wieder zu ihren Wurzeln des Landes der Aufklärung zurückgefunden hat. Die wichtigste Erkenntnis ist und bleibt, wie glücklich wir in unserem wunderschönen Deutschland sein können, auch wenn das viele leider nicht wahrhaben wollen. Bei meinen Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln in Afrika (meist Bushtaxis – vollgestopfte Pkws oder Minibusse) habe ich gelernt, wie unwichtig Zeit sein kann, wenn man morgens auf das Fahrzeug wartet, welches dann drei Stunden später kommt, und nach weiteren vier Stunden abfährt, wenn endlich zwölf der eigentlich nur sechs zur Verfügung stehenden Plätze zur belegt sind. Und ich habe auch gelernt, dass der Islam an sich keine böse Religion ist, nirgends auf der Welt habe ich so viel Gastfreundschaft erlebt wie in diesen Ländern. Was anderes ist natürlich die Auslegung des Koran, wie er praktiziert wird: siehe IS, Saudi Arabien. Ob ich menschlich gewachsen bin, weiß ich nicht. Zum Glück bin ich sehr tolerant erzogen worden und konnte dadurch relativ vorurteilsfrei in die Welt hinausziehen, vielleicht das größte Glück, welches mir in die Wiege gelegt wurde.

        1. Igor (7 Kontinente) says:

          Wolfgang,
          vielen vielen Dank für die sehr ausführliche Antwort! Das ist genau die Antwort, die ich mir gewünscht habe.
          Ganz liebe Grüsse, Igor

          1. Wolfgang says:

            Das freut mich!

  2. Anonymous says:

    Ein ganz wunderbarer Beitrag. Ich bin gespannt auf das Buch und die Geschichten dieses wahrhaftigen Globetrotters. Ich hatte vor 1 1/2 Jahren Gelegenheit, Gunther Holtorf zuhören zu dürfen, wie er von seiner Reise über 26 Jahre in einer Mercedes-G-Klasse berichtet hat. Anlass war, dass sein treuer fahrbarer Untersatz zu diesem Zeitpunkt ins Mercedes-Benz-Museum nach Stuttgart kam. Wir konnten uns das Auto anschauen und die Geschichten förmlich riechen. Es war eine ganz wunderbare Geschichte und ich hätte diesem Menschen, der auch so viel gesehen und so vieles erlebt hat auf Erden, gerne noch viele Stunden zugehört. Schaut mal, hier habe die Gunther Holtorfs Geschichte verlinkt: https://antetanni.wordpress.com/2014/10/13/antetanni-unterwegs-ottos-reise/

    Viele Grüße von Anni | antetanni

    1. 1 THING TO DO says:

      Auch eine spannende Person. Das Reisen schreibt so wunderbare Geschichten!

      Danke und liebe Grüße! 🙂

    2. Wolfgang says:

      Ja das ist auch so ein guter Typ. Ich hatte einen interessanten Bericht über ihn im Stern gelesen!

  3. Igor (7 Kontinente) says:

    Sehr geil! Ländertechnisch habe ich das gleiche Ziel. Mal gucken, ob ich ebenfalls 70 Jahre brauche. 🙂
    Nein, Sehenswürdigkeiten sind nicht das Wichtigste und dennoch ein grosser Bestandteil des Landes, in dem du deine Reise machst! Sie sind ein Teil der Geschichte dieses Landes. Sollte man nicht ausser Acht lassen, sofern es einen interessiert.
    Viele Grüsse, Igor

    1. 1 THING TO DO says:

      Dann schon mal viel Erfolg beim „Ländersammeln“! 🙂
      Ach, und danke für den Retweet. 😉

      Liebe Grüße
      John & Marc

    2. Wolfgang says:

      Viel Glück Igor – und pass auf, dass du nie zur falschen Zeit am falschen Ort bist!

    3. Igor (7 Kontinente) says:

      Vielen Dank euch Drei. Ich will in ein paar Jahrzehnten auch ein Interview hier. 🙂

      Grüsse, Igor

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